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Sonntag, 3. Juni 2018

Der 22. Tag: 2. Juni 2018

Gestern (am 1. Juni) habe ich wegen einer sehr bedrohlich klingenden Wettervorhersage der von morgendlichem Regen bestätigt zu werden schien, eine Wanderpause eingelegt und mich in der Burg Hessenstein aufgehalten. Bei der Lektüre einer nordhessischen Regionalzeitschrift bin ich auf ein Interview gestoßen, in dem von einem Grundrecht des GG die Rede ist. Die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer spricht darin von der Pflicht des Bauherren gegenüber der Öffentlichkeit, beim Bau neuer Gebäude auch das Wohl der Allgemeinheit im Blick zu halten. Zitat: "Bauen ist nie nur privat, sondern immer auch öffentlich. Die Außenwand des Innenraums ist die Innenwand des Außenraums, die dritte Dimension des öffentlichen Raums. Unser Grundgesetz sagt: Eigentum verpflichtet und muss auch dem Gemeinwohl dienen!)


Am Morgen des 2. Juni bin ich um ca. halb neun losgegangen. Der Weg führte mich  durch den Nationalpark Kellerwald und die südlichen Abschnitte des Kellerwaldsteigs. Der erste Ort, durch den ich kam, hieß Frankenau. Dort habe ich mir einen Kaffee gegönnt und am Rande des Dorfes überraschenderweise eine gute Stelle für eine Rezitation gefunden. An einem kleinen Teich mit einer Sitzbank fiel mir ein Betonquader auf, der ungefähr 1,50 m hoch und 1,20 m breit war. Ich schaute mir den Stein etwas genauer an und auf der einen Seite fand ich zwei hölzerne Plaketten mit dem Namen und Geburtsdatum Goethes und dem Hinweis, dass der Gedenkstein zum 200sten Geburtstag des Dichters im Jahr 1949 aufgestellt wurde. Also im selben Jahr, in dem das Grundgesetz in Kraft getreten ist. 
 
Ich weiß nichts über die Geschichte dieses Steins. In mir sind zwei Assoziationen aufgetaucht. Wer immer auch für dieses Goethe-Monument verantwortlich war, er oder sie hat wahrscheinlich damit kurz nach dem Krieg an eine „bessere“ deutsche Tradition anknüpfen wollen, als die es war, die gerade Europa verwüstet hatte. Das Besondere daran ist, dass dem Menschen klar gewesen zu sein schien, dass es kein einfaches Zurück gibt und bloße Nostalgie nicht weiter hilft. Deshalb wurde das Gedenken an Goethe nicht in eine neoklassizistische Büste gegossen, sondern mit einem schlichten und daher sehr modernen Stein versehen, der auch die Erinnerung an den Krieg zulässt. Das finde ich ziemlich stark und ich hätte sowas in einem kleinen Dorf irgendwo in Hessen nicht erwartet. Dort fand also um 10.30 h meine heutige Rezitation statt. 

 
 

Danach ging es ohne großartige Ereignisse, die man auf das Grundgesetz beziehen könnte, weiter. Es gab Begegnungen mit einem Reh und mit zwei Hasen (!!). Diese Erlebnisse wirken ja gerne wie die Sahnehäubchen einer Wanderung, auch wenn es eigentlich um was ganz anderes geht, in meinem Falle um das Grundgesetz. Es bleibt leider dabei, dass der Naturschutz als ein Grundrecht für die Menschen, die in dieser Welt leben, in den Grundrechten des GG nicht auftaucht. (Die Natur selbst kann nicht Adressat eines Grundrechtes sein, Grundrechte beziehen sich immer auf Menschen bzw. Staatsbürger.)
 

Immerhin kann ich noch eine tierische Anekdote berichten, die in Verbindung steht mit einigen Überlegungen, die ich am 19. Tag (29.5.) zum sozialen Status von Kuh- und Schafhirten notiert habe. Kurz hinter Frankenau bin ich an einer Schafherde vorbei gekommen. Schäfer und Hund waren etwas oberhalb der Wiese. Als ich an den Schafen vorbei ging, fing die Herde an, sich in meine Richtung zu bewegen und wurde daran vom heran hechtenden Hund gehindert. Der Schäfer meinte danach, seine Schafe würden halt gerne hinter einem Menschen mit Stock herlaufen. Mit anderen Worten: Die Schafe haben in mir einen potenziellen Schafhirten gesehen! Der Hund eher nicht, aber immerhin hat er mich auch nicht als verlorenes Schaf betrachtet....

Auf einem Teilstück des heutigen Weges gibt es einen Skulpturenweg namens Ars Naturalis. Die Arbeiten, die man dort betrachten kann, sind nicht so ambitioniert wie auf dem Waldskulpturenweg im Hochsauerland. Schon von der Größe her zeigen sie eine gewisse Bescheidenheit. Eine andere, nicht weniger angemessene Art, das Verhältnis zwischen Kunst und Natur auszugestalten. 

Das Grundrecht aus Art. 5, das Kunst versichert, frei zu sein, bekommt in der freien Natur eine schöne Nebenbedeutung. 
Hier ein paar Beispiele von Hans Lamb, Frank Bartecki und F. Michael Müller:
W ort
 
Irrgarten
 
Ohne Titel

 
Kurz vor Bad Wildungen kam ich an ein paar Quellen vorbei, die den Ruf des Ortes als Heilbad begründet haben. In der Stadt angekommen bin ich mehr oder weniger direkt zum Bahnhof gegangen und in den nächsten Zug gestiegen, der mich über Kassel nach Köln brachte. 
Die nächste Etappe der GG-Wanderung  beginne ich Ende Juni wieder in Bad Wildungen mit einer Rezitation. Genaueres dazu bald hier!

Freitag, 1. Juni 2018

Der 21. Tag: 31. Mai 2018


Am Morgen habe ich mich um ca 9.00h aus Medelon auf den Weg gemacht. Meine Überlegungen, morgens die Rezitation an der Gedenkstätte zu machen- nachdem sie abends von der Hochzeit verdrängt worden war - wurde durch die Vorbereitungen für die Fronleichnam-Prozession, die schon im Gange waren, endgültig ad acta gelegt. Inmitten von katholischen Fahnen und Straßenaltären wäre die GG-Rezitation so eine Art säkulare Ein-Mann-Gegenaktion geworden. Daran kann mir nichts liegen.
Die vergangenen Tage standen für mich sehr unter dem Thema der Grenze - Grenzen zwischen Stammes- und Herrschaftsbereichen, zwischen Konfessionen und Grenzen zwischen Sprachräumen. Und unter dem Thema der vielen oft gewalttätigen Grenzstreitigkeiten, unter denen das Hochsauerland offenbar über die Jahrhunderte so gelitten hat.
Heute habe ich dann die erste sozusagen offizielle Grenze meiner Wanderperformance überschritten, nämlich  Der von Nordrhein Westfalen nach Hessen.. Ohne den Übergang bemerkt zu haben. Der Übergang war bei Ronninghausen, wie ich im Nachhinein gesehen habe.
In Münden, dem ersten Ort auf hessischer Seite, habe ich dann eine Rezitation gemacht, um das Thema Grenze vorerst abzuschließen und vorher noch einmal zu betonen. In Ermangelung eines Dorfplatzes in Münden habe ich mich vor die Kirche gesetzt. Da es sich um ein evangelisches Gotteshaus handelte, kam keine Konkurrenz mit Fronleichnam auf.
Die 1. Rezitation des Tages fand also an der Marienkirche in Münden statt.


Während der Rezitation saßen in sicherer Entfernung (für mich? für sie?) ein paar Jugendliche auf der Mauer. Einer trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Wir sind die Macht"
Ich frage mich, ob der T-Shirt-Träger weiß, wie sehr er als Bürger damit recht hat: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Art. 20 GG.

Noch eine letzte Anekdote zur Grenze: Mir ist es gestern und heute nicht gelungen, im Sauerland eine Wanderkarte zu bekommen, die den Weg nach Hessen zeigt. Alle, die mir angeboten wurden, hörten an der Grenze auf!

Die Wegführung war heute im Vergleich zu den vergangenen Tagen nicht besonders ansprechend und vielleicht stand deshalb das Wandern oder das Ankommen in wollen mehr in meinem Bewusstseinsvordergrund als sonst. (Außerdem war es sehr heiß und schwül...) Irgendwo auf dem Weg bekam ich einen Handyanruf aus der Jugendherberge Burg Hessenstein mit der Mitteilung, dass es noch ein Zimmer für mich gibt. Das hat mich etwas beflügelt und ich habe mir überlegt, auf der Burg, die zugleich ein freies Jugendbildungswerk ist, eine Rezitation zu machen.

Als ich von Donner begleitet in der Burg ankam, wurde in mir eine gedankliche Figur aktiviert, die schon gestern Abend und heute Morgen angesprungen war. Nach den ersten eigentlich sehr angenehmen Eindrücken - ich bekam das Behindertenzimmer als letztes freies Einzelzimmer und exklusiven Zugang zum Turmzimmer, wo es Fernseher und ein Bier gibt - war ich trotzdem überzeugt, eine Rezitation würde hier überhaupt nicht in den Rahmen passen. Während des Abendessens ging mir auf, dass sich da gerade etwas Seltsames in mir abspielt. Da hieß es mal wieder gegensteuern und so habe ich die zweite Rezitation des Tages um 18.45 h im Innenhof der Burg Hessenstein gemacht.


In Hörweite saßen zwei Frauen und zwei Männer von der großen Familiengruppe, die die Burg in Beschlag genommen hat. Zu Anfang hörten sie mit einem Ohr zu, dann kamen Kinder dazu und die Aufmerksamkeit verlagerte sich von mir weg. Meine Vermutung, dass die Rezitation nicht in den Rahmen passt, war also nicht ganz falsch. Aber das ist kein Grund, die Rezitation nicht zu machen. Wieder was gelernt.

Der Robert-Kolb-Weg (X6), dem ich durch das Hochsauerland gefolgt bin, kreuzte heute bzw. lief am Ende parallel zum X8, dem Barbarossa- Weg, der mich durch Hessen führen wird. Robert Kolb war Anfang des 20. Jahrhunderts "Hauptwegewart" des sauerländischen Geburtsvereins, von dem die Initiative für die Zusammenstellung des Wanderweges der Deutschen Einheit ausging.
Was Friedrich Barbarossa mit einem Wanderweg durch Hessen zu tun hat, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. (Wahrscheinlich hängt die Namensgebung mit der hessischen""Barbarossastadt" Gelnhausen zusammen.) Mit dem Wanderweg der deutschen Einheit kann man ihn in Zusammenhang bringen, weil sein Name mit dem eher unrühmlichen Mythos eines geeinten deutschen Reiches verbunden ist.  Mit etwas Phantasie kann man auch eine Linie von ihm zum GG ziehen. Mit seiner Herrschaft im 12. Jahrhundert kam es offenbar zu einem Wechsel im allgemeinen Regierungsstil. Vorher galten Milde und Barmherzigkeit als höchste Tugenden des Regenten, Barbarossa wollte sich dagegen an der Gerechtigkeit orientieren. In dieser Tradition steht das Grundgesetz. Denn Gerechtigkeit eignet sich eher als Barmherzigkeit als allgemeine Rechtsnorm. Barmherzigkeit  ist eine hohe Tugend von Menschen, die nicht rechtlich verbindlich gemacht werden kann.

Morgen früh geht es weiter in Richtung Bad Wildungen.....(dachte ich jedenfalls, aber das Wetter hat mir vorgeschlagen, einen Tag Pause einzulegen.....)

Fundstücke:
                                  keine Skulptur (b)?
Wandern und Singen!






                   keine Skulptur (c)?

Mittwoch, 30. Mai 2018

Der 20. Tag: 30. Mai 2018



Von Neuastenberg habe ich mich relativ früh auf den Weg zum Kahlen Asten gemacht, der höchsten Erhebung in NRW und das "Dach Westfalens", wie es dort irgendwo heißt. (Der Berg als Dach ist im Grunde eine schiefe Metapher.)
Nach kurzem Suchen nach dem geeigneten Platz für die Rezitation, habe ich mich hinter dem Hotel, mit Panoramasicht im Rücken, aufgestellt. Um ca. 19. Uhr habe ich die Grundrechte des GG also vom Dach Westfalens aus gesprochen. Obwohl natürlich kaum jemand da war, der mir hätte zuhören können und die wenigen Kandidaten auf Abstand blieben, habe ich den Text zweimal rezitiert, beim zweiten Mal mit wechselnder Sprechrichtung und dem angenehmen Gefühl, ins Offene zu sprechen.

Als ich gerade dabei war, meine Sachen zusammen zu packen, kam ein Mann mit Hund auf mich zu und fragte, ob er das Plakat noch schnell lesen könne, bevor ich es zusammenrolle. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er mich aus dem Frühstücksraum des Hotels gesehen und gehört hatte.  Hat mich sehr gefreut, einem offenen und neugierigen Menschen zu begegnen.

Danach habe ich mich wieder auf den Weg gemacht, der zunächst wenig Material in Sachen GG anbot. Dafür gab es viel beeindruckende Landschaft und die hiesige Faun machte sich mit einiger Wucht bemerkbar, u.a. in Form einer Wildschweinrotte, die meinen Weg kreuzte und dann zum Glück lieber das Weite als die Konfrontation suchte.

Doch zuerst ging es meist bergab nach Züschen, einem "Golddorf", was darauf hinweist, dass die Dorfgestaltung Jurymitgliedern besonders gut gefallen hat. Im Ortszentrum befindet sich ein Brunnen, von dem man nicht genau weiß, wer ihn anlegte und mit welcher Absicht. Als Dorfbrunnen scheint er ziemlich ungeeignet gewesen zu sein, weil der Friedhof direkt oberhalb lag und das Wasser dadurch wahrscheinlich nicht trinkbar war. Vermutlich stammt der Brunnen aus vorchristlicher Zeit und ist Teil eines aus verschiedenen Orten zusammen gestellten Heiligtums, das ein wichtiges Runenzeichen (für einen Baum) darstellte, wenn man die Punkte miteinander verband.

Es ging weiter ins Liesental, wo nicht nur ein Reh, sondern für die GG-Wanderung wichtiger, das Thema der Grenze und der Grenzstreitigkeiten noch einmal auftauchte. In diesem Tal wurden um das Jahr 1500 einige kleine Ortschaften "gebrandschatzt" und zwar so gründlich, dass sie danach aufgegeben und nicht wieder aufgebaut wurden. Meine frühere Vermutung, dass das Rothaargebirge hoch genug war, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern, war natürlich sehr naiv. Wenn die Gewaltbereitschaft da ist, finden sich auch Mittel und Wege zuzuschlagen. Der Landstrich, durch den ich heute gewandert bin, scheint lange darunter besonders gelitten zu haben. Art. 2 Abs. 2: "Jeder hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit." Das gilt auch für Gegner oder sogenannte Feinde. Damit ist ein sehr wichtiger Anspruch für eine zivilisierte Gesellschaft formuliert, die in der Lage sein muss, Auseinandersetzungen so weit wie irgend möglich, gewaltfrei zu regeln.

Am Nachmittag bin ich in Medelon angekommen, wo ich eine Unterkunft im Hotel Kaiserhof gefunden habe. Das ist eigentlich ein Name, der überhaupt nicht zum GG passt......
In Medelon gibt es mitten im Ort eine recht große Gedenkstätte für die Gefallenen der Kriege, die zwei Besonderheiten aufweist. Zum einen geht das Gedenken dort zurück bis zu den Kriegen 1866 (Österreich gegen Preußen) und 1871.















Außerdem wurde direkt neben die eigentliche Gedenkstätte ein großes M aus Metall gesetzt, mit der Aufschrift: "Gemeinsam für den Frieden". In diesem Metall-M befinden sich fünf Wappen von Vereinen des Ortes.
Für diesen Ort hätte ich die mir selbst auferlegte Kriegsdenkmal-Abstinenz für meine Rezitationen kurz aufgegeben, aber dazu sollte es nicht kommen.
Nachdem ich mich im Hotel "frisch" gemacht hatte, bin ich mit Plakat und Karten bestückt ins Dorf. Dort stellte sich heraus, dass in der nahe gelegenen Kirche eine Hochzeit stattfand und die Hochzeitsgesellschaft gerade aus dem Portal trat. Es folgte ein halbstündiges Hochzeitsständchen der Blaskapelle, die übrigens nicht nur gut spielte, sondern überraschenderweise fast nur aus Leuten bestand, die in dem Alter des Hochzeitspaares waren.
Danach war  klar, dass es für eine Rezitation sozusagen energetisch keinen Platz mehr gab. Es passte nicht mehr.
Das Friedensmonument verweist meines Erachtens nicht nur auf Art. 1 Abs. 1 ("Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."), sondern gemeinsam mit der Blaskapelle auf Art. 9: "Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden", ein Grundrecht, das in seiner Bedeutung manchmal unterschätzt wird. (Als bekennender Individualist habe ich mich lange Jahre geweigert, in einen Verein einzutreten. Mittlerweile bin ich Mitbegründer und Vorsitzender eines solchen und im Vorstand eines weiteren gelandet. So kanns gehen....)

Fundstück:

zwei Kühe auf dem Gourmetstreifen der Wiese



 







Dienstag, 29. Mai 2018

Der 19. Tag: 29. Mai 2018

Am Morgen kam mir kurz nach dem Start der heutigen Wanderung eine kleine Gruppe von Wanderinnen (oder Wandererinnen?) entgegen. (Später kam noch eine ganze Reihe von weiteren verschiedenen Geschlechtes dazu.) Genau genommen sind die Frauen nicht gewandert sondern gewalkt. Alle hatten je zwei Walking-Stöcke in den Händen.
Gegen diese Walkingsticks hege ich ein paar persönliche Ressentiments. Ich kann mich nicht mit der Vorstellung anfreunden, beim Wandern keine freie Hand zu haben, um mal zwischendurch den Hut zu lüften oder schnell zum Fotoapparat zu greifen.
Was mich aber am meisten stört, ist dass das Wandern durch die Hightech-Stöcke zum Mittel für einen Zweck umgewandelt wird. Man tut sich was Gutes, fördert die Gesundheit und die körperliche Beweglichkeit, kurz: Wandern wird zum Mittel der Selbstoptimierung, einer relativ jungen Entwicklung dessen, was u.a. Max Weber und Max Scheler den Geist des Kapitalismus genannt haben. Doch das ist ein anderes Thema.

Im Rahmen meiner andauernden künstlerischen Selbstbefragung kann ich festhalten, dass das Wandern in Sachen GG für mich kein Mittel zum Zweck darstellt. Ich folge einer anderen Logik, nach der das Wandern ein integraler Bestandteil meiner Performance ist. Das Wandern ist die Performance, so wie die Rezitation, die Gespräche mit Leuten, das Schreiben des Blogs. Die Performance ist sich selbst Zweck genug. Es gibt kein außerhalb der Performance liegendes Ziel.


Mittlerweile weiß ich durch ein paar Recherchen im Internet und einige Infotafeln am Wanderwegesrand, dass der Grenzweg auf dem Kamm des Rothaargebirges nicht nur die religiöse Markierung zwischen evangelischem Süden und katholischem Norden darstellt. Immerhin scheint die konfessionelle Grenzziehung so nachhaltig gewesen zu sein, dass die Autoren des entsprechenden Texts auf der Infotafel die Bemerkung für nötig erachten, in heutigen Zeiten der Ökumene habe die Grenze ihre Bedeutung verloren.
Schon in vorkonfessionellen Epochen spielte das Rothaargebirge eine Rolle als kultureller Wall. Hier stießen die Herrschaftsgebiete der Franken und der Sachsen aufeinander, mit allem an Gewalt und Not, die solche Gegenden zu ertragen hatten.
Heute geht es hier zum Glück friedlich zu. Geblieben ist nur eine traditionelle Konkurrenz zwischen den Städten Bad Berleburg im Wittgensteiner Land und Schmallenberg im Hochsauerland. Der Künstler Jochen Gerz hat sich dieses Themas in seinem Beitrag zum hiesigen, übrigens sehr ambitionierten Waldskulpturenweg angenommen.

Die erste und einzige Rezitation des Tages fand im Schatten einer anderen Skulptur "Stein-Zeit-Mensch" statt, und zwar um ca. 12h.
Die monumentale und trotzdem die umgebende Landschaft nicht störend dominierende Skulptur von Nils-Udo hatte eine starke Wirkung auf mich. Die Rezitation war nicht einfach; die Konzentration auf den Text fiel schwer im Schatten dieses Werkes.


Gerade als ich fertig war, kam ein Mann mit Rucksack und Kamera von hinten auf mich zu, las mein auf dem Boden ausgebreitetes GG - Plakat und wir kamen ins Gespräch. Das handelte allerdings mehr von der Skulptur, die ich gegen seine Kritik verteidigt habe, und vom Wandern. Ob ich den Weg nach Görlitz in einem durchgehe, wollte er wissen.
Ich habe ihm eine Karte von der GG-Wanderung in die Hand gedrückt und glaube, er schaut mal nach, was ich da mache.

Danach ging es relativ gemächlich weiter. An einer Kühude konnte ich das ausgewiesene Hirtenjungengrab nicht finden. Dabei wäre es ein schöner Aufhänger für ein paar Überlegungen zu Art. 3 Abs. 1 gewesen: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Kuhhirten standen in ländlichen Gesellschaften wohl in der Regel ziemlich weit unten in der sozialen Hierarchie. Sie umgab auch keine mythologisch-religiöse Aura wie das in Europa bei den Schafhirten der Fall war: Vom Freiheit liebenden und lebenden Hirten der griechischen Antike bis zu Christus, dem guten Hirten, war das gehütete Tier real und metaphorisch ein Schaf und keine Kuh. Warum auch immer.
(hier ein mythologisch erhöhter Schafhirte...)



Jedenfalls formuliert Art. 3 den Anspruch, dass der Kuhhirte rechtlich nicht anders behandelt wird als Schafhirte oder gar der jeweilige Herdenbesitzer. Das ist nicht selbstverständlich und die Realität bleibt oft hinter dem Anspruch zurück.

Ein beherrschendes Thema der Wanderung heute war die Grenze. Immer wieder gab es Hinweise darauf, dass hier zwei Kulturen aufeinander trafen, die Sachsen im Süden und die Franken im Norden. Bis in die Gegenwart ist diese Grenze sprachlich erkennbar. Im Hochsauerland werden niederdeutsche Dialekte gesprochen, im Wittgensteiner Land dagegen die  anders klingenden mitteldeutschen.
Ich frage mich, wie Grundgesetz oder Grundrecht in den verschiedenen Dialekten gelautet wird.
(Ganz nebenbei: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein stammt nicht aus dem Wittgensteiner Land...)



In Langewiese, einem der Höhenorte rund um den Kahlen Asten habe ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft gemacht und festgestellt, dass es in Neuastenberg eine Jugendherberge gibt, in der ich letztlich gelandet bin. Vor dem Gewitter.

Fundstücke:

Der gelüftete Hut als Landeplatz:





keine Skulptur (a) ?



Montag, 28. Mai 2018

Der 18. Tag: 28. Mai 2018

Am Morgen bin ich mit dem Zug von Köln nach Altenhundem gefahren und um ca. viertel nach elf dort angekommen. Nach einem Kaffee im ganz netten Bahnhofscafé ging es zum nahe gelegenen Marktplatz.
Dieser Blog. handelt es sich ja nicht um Städtebaukritik, aber es ist schon verwunderlich, dass es auf dem offenkundig zentralen Platz dieser Kleinstadt nichts Grünes gibt, keinen  Baum, keinen Strauch , nicht mal einen Betonkübel. Dementsprechend wirkt der Platz auch völlig unlebendig. Nur ein Bodenbrunnen bringt etwas Bewegung rein. (Nachdem ich mir die Photos, die ich vom Marktplatz gemacht habe, angesehen habe, muss ich meine Klage zurück nehmen. Es gibt dort Grün. Anscheinend war der trostlose Eindruck auf mich so stark, dass ich einfach kein Grün sehen konnte....)



Bei der Suche nach einem geeigneten Platz für meine erste Rezitation auf eben diesem Marktplatz gab es in mir einen starken Drang, mich in eine Ecke zu verziehen, in der mich niemand bemerkt. Zum Glück ist mir dieser Drang relativ schnell zu Bewusstsein gekommen und ich konnte noch gegensteuern. Am Ende habe ich die erste Rezitation des Tages sozusagen mitten auf dem Platz gemacht: um ca. 12.00 Uhr.



Die Platzwahl hat allerdings nicht dazu geführt, dass mir besonders viele Leute zugehört hätten. Die wenigen, die es über den ungastlichen Platz trieb, haben mich mit Nachdruck ignoriert.
Bei einem der Gespräche zur GG-Wanderung, die ich in den letzten Tagen in Köln geführt habe, meinte eine Bekannte von mir, dass ich mit der Wanderung einen Weg öffnen würde. Die Formulierung gefällt mir gut. Meine Performance öffnet den Raum, der mit der Zeit Wirkungen ermöglicht; ob sie je geschehen, kann man noch nicht sagen.



Nach der Rezitation ging es los in Richtung Rothaargebirge. Dabei bin ich an auffällig vielen Kreuzen vorbei gekommen. Am ersten Kreuz direkt hinter Altenhundem, das zu einer Gedenkstätte für Adolf Kolping gehört, stand auf dem Querbalken die Inschrift: Wehr Dich damit!
Das wäre auch eine schöne Aufforderung im Zusammenhang mit dem GG! Denn darum geht es ja nicht zuetzt: dass sich jede Bürgerin und jeder Bürger gegen Ungerechtigkeiten wehren kann, weilihre Rechte durch das Grundgesetz zwar nicht garantiert sind, aber jede(r) sich darauf berufen kann, wenn es darum geht, sich zu wehren.

Das nächste Kreuz zierte ein Hinweisschild für den Wanderweg der Deutschen Einheit.










Und danach kam ich an das Steinerne Kreuz, das am sogenannten Kriegerweg liegt, der wie es auf einer Infotafel hieß, ein alter Fernhandelsweg von Koblenz bis nach Paderborn sein soll. Das erinnert mich an die schöne Herleitung des Typus des Unternehmers, wie man sie bei Max Scheler findet. Danach kam der Unternehmer ursprünglich aus der Verbindung von Kriegsmann und Händler zustande. Die ersten Ausprägungen waren die des Freibeuters und des Piraten, aber wer weiß, vielleicht ist es im meeresfernen Mitteleuropa erstmals genau hier auf dem Fernhandels- und Kriegerweg zu der für den Kapitalismus schicksalsträchtigen Verbindung gekommen.

Die Reihe der Kreuze war damit noch nicht zu Ende. Nach dem Steinernen Kreuz kam das Hölzerne Kreuz und kurz darauf ein Kreuz am Heiligenborn, einer Quelle, deren Wasser gegen Augenleiden helfen soll. Da es kein Schild gab, das vor dem Genuss des Wassers warnte, habe ich einen erfrischenden Schluck aus der Quelle getan.
Merkwürdig genug, dass man im Geltungsgebiet des GG aus so gut wie keiner natürlichen Quelle, geschweige denn aus einem Bach oder einem anderen Gewässer ohne Gefahr für Wohlbefinden und Gesundheit trinken kann.






Ein weiters Kreuz stand am Potsdamer Platz...






Am Margaretenstein steht kein Kreuz. Der Stein bezeichnet die Grenze zwischen dem evangelischen Wittgensteiner Land und dem mehrheitlich katholischen Sauerland und thematisiert damit die Geschichte der religiösen Rechte, die im GG an verschiedenen Stellen auftauchen. Die zweite Rezitation des Tages fand dort um 17.00 Uhr statt.





Dann ging es weiter nach Jagdhaus. Auf einer Anhöhe, von der man einen beeindruckenden Blick in das Tal hat, in dem der Ort Milchenbach liegt, standen zwei große Infotafeln zur Flurbereinigung, die dort durchgeführt wurde. Ursprünglich war der Wald in unzählige Parzellen unterteilt. Das hat sich jetzt geändert und ich nehme an, für die Umsetzung dieses Vorhabens war es manchmal hilfreich, Artikel 15 GG ("Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.") in petto
zu haben und als sogenannte öffentliche Hand darauf hinweisen zu können, dass es das Recht und die Möglichkeit der Enteignung gibt.

Jagdhaus ist eigentlich kein Dorf, sondern eine Ansammlung dreier Hotels verschiedener Größe und Preisstufen. Ich bin im Hotel mit dem schönsten Namen untergekommen: Gasthaus Tröster. Hier werde ich die Nacht verbringen und morgen weiter in Richtung Kahler Asten, den höchsten Punkt NRWs,  wandern.

Fundstück:

ein gefallener Engel am bzw. im Steinernen Kreuz





Sonntag, 20. Mai 2018

Es geht weiter!

Wenn das Wetter es zulässt, werde ich mich am Montag, 28. Mai wieder auf den Wanderweg der Deutschen Einheit machen und die Grundrechte des GG rezitieren.
Startpunkt ist der Marktplatz von Lennestadt-Altenhundem, wo ich um (ca.) 12h die erste Rezitation machen werde.
Von dort gehe ich weiter durch das Rothaargebirge in Richtung Winterberg.


Für aktuelle Wanderstandsmeldungen bietet es sich an, mich mobil zu kontaktieren:
0151 2243 1293.

Außerdem werde ich weiterhin versuchen, jeweils am Abend einer Etappe Standort und erste Eindrücke hier auf dem Blog mitzuteilen.


Montag, 23. April 2018

Nachtrag: 21. April 2018

Um meine Rückreise nach Köln von einem Ort aus antreten zu können, den ich für die nächste Etappe wieder relativ einfach erreichen kann, bin ich am Morgen nach Lennestadt-Altenhundem gegangen, ca. anderthalb Stunden von Bilstein entfernt, wenn man den JH-Wanderweg nimmt. Dort auf dem Bahnhof bin ich in den Zug gestiegen.

Bei der Zeitungslektüre auf dem Weg nach Hause habe ich zwei Hinweise auf Themen gefunden, die mich während der Wanderung beschäftigt haben.
Für die Zeitung Freitag dieser Woche hat der SPD-Politiker Nils Heisterhagen einen interessanten Gastbeitrag verfasst. Unter dem etwas zu reißerischen Titel "Der postmoderne Irrtum" plädiert er für einen Abschied von Neoliberalismus und Hyperindividualismus und für die "Rückkehr der Idee des Gemeinsamen". In diesem Rahmen kommt er auch auf die Gefahren der starken Bezugnahme auf Identitäten zu sprechen, zu der ich ebenfalls vor ein paar Tagen (am 15. Tag) ein paar Gedanken formuliert habe.
Bei Heisterhagen klingt das so: Die FAZ zitierend sagt er "Statt um den Austausch von Argumenten geht es um Gruppenzugehörigkeit und die bessere Moral." Dann fährt er fort: "In der Folge parzelliert sich die Gesellschaft und keiner interessiert sich mehr wirklich für den anderen. Dazu kommt: man denkt viel häufiger in Kategorien von "wir" und "die". So spaltet sich die Gesellschaft in Gruppen, die sich gegenseitig mittels einer eigenen Identitätspolitik vorwerfen, Unrecht zu haben".
Das ist ziemlich nahe an dem, was mir durch den Kopf ging.

In derselben Zeitung steht eine ausgesprochen kritische Zwischenbilanz nach zehn Jahren Inklusion an Schulen in Deutschland. Wie immer man zu diesem Thema steht, international betrachtet liegt Deutschland beim Versuch, Menschen mit Lernschwächen und Behinderungen in den normalen Schulalltag einzugliedern, ziemlich weit hinten. Der Satz aus Art. 3, Abs. 3 "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." von dem gestern (17. Tag) im Rahmen eines Waldweges für Rollstuhlfahrer die Rede war, scheint noch nicht die Aufmerksamkeit zu bekommen, die er verdient.

Zum Schluss noch ein sehr bizarres Fundstück: Gestern habe ich zufälligerweise in der Mediathek der ARD eine Szene aus einer Show gefunden, bei der es um das GG ging. Die Show heißt "Klein gegen Groß" oder so ähnlich und da treten Kinder gegen Erwachsene an. Die Idee ist schon fragwürdig genug. Hier ging es jedenfalls darum, dass ein 11jähriges Mädchen gegen einen Richter antrat mit der Behauptung, alle Artikel des Grundgesetzes auswendig zu wissen und zitieren zu können, wenn man ihr den Artikel nennt. Einerseits ist es sehr beeindruckend, dass das Kind (und der Richter) das GG faktisch ganz auswendig kennt. Aber als so eine Art sportliche Leistung ist das ganze ziemlich sinnlos. Das schien in der Show niemanden zu stören. Der Richter hat sehr leise versucht, mal kurz auf den Inhalt des GG hinzuweisen, aber daran war der Showmaster überhaupt nicht interessiert.
Unterhaltung für Konsumenten statt für Bürger*innen. Da kann man schon mal kulturkritisch gestimmt werden.....

Weiter geht es mit der GG-Wanderung wahrscheinlich Ende Mai/Anfang Juni.
Ich freue mich auf Kommentare, Hinweise und Fragen!


Freitag, 20. April 2018

Der 17. Tag: 20. April 2018

Auf dem ersten Teilstück der heutigen Wanderung vom Hotel in Oberveischede zur Hohen Bracht (schöner Weg mit einigen Höhenmetern) bin ich mit der gestern schon auftauchenden Frage durch die Wälder gestreift, was ich hier eigentlich mache. Konkret habe ich mir überlegt, in welchem Feld, oder besser: Wirkungsfeld ich mich mit der GG-Wanderung bewege. Wenn ich den Text des GG (bzw. der Grundrechte) im Zentrum der Wanderperformance positioniere, dann gibt es drei Pole, auf die der Text prinzipiell wirken kann:
- auf die Menschen, die mir zuhören, die den Blog lesen und mit denen ich wie und wann auch immer über meine Aktion ins Gespräch komme.
- auf die Orte, an denen ich den Text rezitiere
- und auf mich selbst!

Diese vier Pole Text, Leute, Orte, ich wirken in alle möglichen Richtungen aufeinander.
Ich glaube, ich kann die Wirkung auf mich selbst wieder etwas stärker in den Fokus bringen - statt damit zu hadern, keine direkte Wirkung bei den Menschen zu erzielen. Darum geht es ja gar nicht. Für den Performance-Charakter der Aktion ist es viel bedeutender, mich dauernd in der Position des Forschers und des Versuchskaninchens zu halten (respektive des "langsamen Versuchshasen").
Dazu gehört auch, je nach Laune, die Grundrechte des GG während des Gehens nur für mich zu rezitieren. Das habe ich heute getan und werde es weiterhin praktizieren.



Zwischenstation war heute die Hohe Bracht, ein Aussichtspunkt oberhalb von Bilstein, mit Turm und Gebäude, die wahrscheinlich aus den 1920er Jahren stammen. Anklänge ans Bauhaus sind unverkennbar.
Letzten November wurde der frisch restaurierte Ort neu eröffnet, inklusive eines Waldweges für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer!
Das Ganze ist demnach ein Beispiel für die aktive Umsetzung von Artikel 3 Abs.3: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."






















Ein guter Ort für eine Rezitation um 12.30 Uhr an einem Ruheplatz des Waldweges für Rollstuhlfahrer an der Hohen Bracht.


















Vorher gab es auf der Terrasse Kaffee und Kartoffelsuppe (beides gut). Außerdem habe ich mit dem jungen neuen Pächter gesprochen, der erzählte, wie die Regeln des Denkmalschutzes die Renovierung beeinflusst haben. Das Ergebnis ist gelungen. Der Ort strahlt eine angenehme Atmosphäre aus.
Von der Hohen Bracht ging es in der apriluntypischen Mittagshitze bergab nach Bilstein, einem weiteren etwas zu sauberen und schmucken Örtchen auf meinem Weg.
Mein Plan war, in der Jugendherberge, die in der sehr schön gelegenen Burg aus dem 13. Jahrhundert eingerichtet ist, nach einer Einzelunterkunft zu fragen und den Rest des Tages hier entspannt zu verbringen. Das ist auch soweit gelungen, wenn man davon absieht, dass ich das jugendherbergliche Kleinkindaufkommen an einem Freitag klar unterschätzt habe.


Fundstücke:


Frosch im Herbergsbrunnen





Donnerstag, 19. April 2018

Der 16. Tag: 19. April 2018

In einem Traum heute Nacht ging es darum, dass ich einen großen Anhänger mit Büchern mit einem Lastenaufzug in einen Raum bringen sollte, vielleicht das Kölner Loft, auf jeden Fall ging es um Kunst. Den Anhänger in den Aufzug zu ziehen ging schief. Die Bücher lagen alle verstreut auf der Straße. Ich habe versucht, alle Bücher wieder zusammen zu räumen.
Die erste Assoziation zu dem Traum betraf einen Moment gestern als mich zum ersten Mal überhaupt auf der Wanderung ein Gefühl von Resignation überkam und Zweifel auftauchten, ob ich mit meiner Aktion irgendwo auf Resonanz stoße. Ausgelöst wurde die Anwandlung durch den ersten Besuch im Tourist-Info von Olpe, wo niemand mit dem Namen Mataré etwas anfangen konnte. Ich bin dadurch in eine Oberlehrer-Attitüde gerutscht. Und da könnte der Sinn des Traumes liegen: Wenn ich die GG-Wanderung zu sehr mit meinem Wissen (respektive Halbwissen)  belaste, wird keine Kunst draus. Meine Aufgabe ist es, offen zu bleiben - auch für resignative Gefühle -  und das Gespräch zu suchen. Den Bildungskram kann ich zur Not in diesen Blog packen.

Am Morgen bin ich von Eichhagen an Biggesee und großen Straßen entlang zurück nach Olpe. Dort habe ich mir eine Ausstellung zum ersten Weltkrieg angesehen mit Fotos von Soldaten und einigen sehr starken Zitaten aus Feldpostbriefen, die zeigen, wie schnell die Soldaten begriffen haben, dass dieser Krieg nichts mehr mit der alten Idee von halbwegs fairem Kampf gegeneinander zu tun hatte, sondern nur noch in den Kategorien von Abschlachten und Leiden abläuft.

Diese Erfahrung war im übrigen eine internationale! Die Soldaten aller beteiligten Länder mussten diesen Kulturschock ertragen und für alle, die diese Erfahrung nicht mitmachen, war es offenbar ganz unverständlich, dass der Krieg so offenkundig nichts mehr mit Heldenmut und ähnlichem tun haben sollte. Kein Wunder, dass es Marinesoldaten waren, die durch ihren Streik das Ende des Krieges 1918 erzwangen und kein Wunder, dass diese Soldaten von vielen als Verräter betrachtet wurden. Dabei waren sie diejenigen, die verstanden hatten, dass es in der Barbarei der hochmodernen Materialschlachten keine Gewinner mehr geben kann. Hätten die Politiker damals auf diese Soldaten gehört, wäre das 20. Jahruhundert wahrscheinlich anders verlaufen.

Kurz habe ich überlegt, ob ich in der Ausstellung eine Rezitation machen soll, aber mir wird gerade die Gefahr zu groß, dass die Wanderung zu einem Kriegsgedenklauf wird. Also habe ich mich nach einem Kaffee wieder auf den Weg gemacht.

Der führte durch viel sehr schönen Wald und auf den "Napoleonweg".


Diese Namensgebung stellt eine interessante Verbindung zwischen der französischen Revolution 1789 und der (ost-) deutschen Revolution 1989 her. Zugleich ergibt sich über die Verbindung von Napoleon mit der deutschen Geschichte der Hinweis auf den Einfluss der französischen Erklärung der allgemeinen Menschenrechte auf das deutsche Grundgesetz.

Ein guter Ort für eine Rezitation, die um 14.15. Uhr an einer ziemlich alten Bank irgendwo im Wald statt fand.

Da kann man sich natürlich fragen, was das soll, irgendwo unter Bäumen an einer bemoosten Bank das Grundgesetz zu rezitieren. Ohne die geringste Chance auf ein mithörendes Publikum. Für wen oder was soll das gut sein? Antwort: für mich! Auf mich hat die Rezitation eine Wirkung, auch wenn ich sie nicht unbedingt in Worte fassen kann. Zugegeben, dass ich mich selbst etwas merkwürdig fühlte, doch gleichzeitig war die Waldrezitation mit einem ganz angenehmen Gefühl von Freiheit gepaart. Art. 2: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit..... 

Danach ging es durch die Frühnachmittagshitze weiter, an einem Ski-Gebiet (!) vorbei. Dort stand auf einem Plakat das schöne Wort Beschneiung

Irgendwann bin ich vom WDE abgebogen, um in Oberveischede mein Quartier für die Nacht in einem weiteren Landgasthof zu finden. 

Fundstücke:

Himmelszeichnung


 Spiegelung





vergessene Mumie


Mittwoch, 18. April 2018

Der 15. Tag: 18. April 2018



Ein relativ großes Teilstück der heutigen Etappe verlief im akustischen und im Windschatten der Autobahn. Dreimal ging es über die A4 und dann einmal unter der A45 hindurch. Autobahnen sind, wie es so schön metaphorisch heißt, Verkehrsadern, die Menschen und Dinge dorthin bringen, wo sie hinsollen oder -wollen. In Deutschland haben die Autobahnen - wie so vieles - eine schwierige Geschichte, nicht nur, weil sie anfänglich von den Nazis gebaut wurden, sondern weil dieser Bau oft als die "gute Tat" der Nazis angeführt wird. Kein Kommentar.
Die A4 spielt für die GG-Wanderung insofern eine Rolle, als sie mit einigen Streckenunterbrechungenen von Aachen in die Nähe von Görlitz führt und so Start- und Endpunkt meiner Wanderperformance verbindet.

Grund genug, eine Rezitation direkt an und über der Autobahn zu machen, nämlich um 10.45 Uhr am ersten Übergang über die A4, am hinteren Brückenkopf.


Mich erinnern die Autobahnen außerdem an meinen Job als Radiosprecher, bei dem ich bis vor einigen Jahren auch die Verkehrsmeldungen gelesen habe, in den ersten Jahren für ganz Deutschland (im DLF) und später für NRW (im WDR). Die Tatsache, dass ich diese spezielle Tätigkeit heute nicht mehr ausübe, verweist auf Art. 12 des GG, nach dem die Berufswahl frei ist. Das Recht auf freie Berufswahl gilt nicht bedingungslos, sondern ist davon abhängig, welche Möglichkeiten sich bieten. Außerdem stellt es ein negatives Recht dar, denn ich muss keinen Job machen, den ich nicht machen will.

Man könnte allerdings mit guten Gründen in Zweifel ziehen, dass die heutigen Hartz IV-Regelungen mit Art. 12, mit oben erwähntem Abs. 1 und mit Abs. 2: "Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden...."  in Einklang stehen. Für einen Langzeitarbeitslosen ist die Berufswahl alles andere als frei und wenn er/sie sich weigert, "kooperativ" zu sein, kann ihm oder ihr das Geld gestrichen werden. Das könnte als Verstoß gegen Art 12, Abs. 2 verstanden werden.Dahinter steckt meines Erachtens die für unsere Epoche charakteristische Überbewertung der Arbeit, oder genauer der Erwerbsarbeit für das Selbstverständnis des modernen Menschen. Aber das ist ein anderes Thema, das nicht direkt mit den Grundrechten des GG in Zusammenhang steht.

Danach ging es weiter nach Olpe. Dort angekommen bin ich durch eine Beobachtung, die ich in so gut wie allen Orten der April-Wanderung gemacht habe, zu einer eher beunruhigenden Frage gekommen. Mir ist aufgefallen, wie viele Häuser in den meist kleineren Orten eine Fahnenstange vorne stehen haben, an der manchmal eine Deutschlandflagge in Schwarz-Rot-Gold hängt. So weit so merkwürdig. Befremdlich ist aber für mich noch mehr, dass vor vielen Häusern die Flagge eines Fußballvereins hängt, manchmal in völlig überdimensionierten Ausmaßen.
Das ist bizarr und ich frage mich, ob damit das Verlangen nach Zugehörigkeit und Identifikation in Aktion gezeigt wird. An diesem Wunsch ist ja nichts falsch. Beunruhigend daran ist für mich eher, dass einige Leute in dieser übertriebenen Form ihre Zugehörigkeit mit Flaggen herausposaunen, anscheinend unbekümmert darum, ob die anderen das so sehen oder hören wollen. Dem Fußballclub wird damit die Leitfunktion für das eigene öffentliche Selbstverständnis gegeben. Was treibt Menschen, ihr für andere doch ziemlich nebensächliches Bekenntnis zu einem Sportverein so ins öffentliche Zentrum zu stellen?
Für unser Thema ist es interessanter zu fragen, ob das GG, und besonders die Grundrechte, ähnliche identitätsstiftende Qualitäten entwickeln könnte. Verfassungspatriotismus ist dazu das Stichwort.

Doch das Grundproblem liegt womöglich tiefer. Heute ist es für viele Menschen ein großes Bedürfnis, ihre Identität als Zugehörige zu einer bestimmten Gruppe öffentlich zu machen. In vielen auch politischen Debatten geht es oft nicht mehr primär um die Argumente, sondern darum, wer sie vorbringt und inwiefern die Argumente nur die Identität des Debattierenden wiederspiegeln. (Schlechte Karten haben in den meisten Debatten zur Zeit alte, weiße Männer....) Ich fürchte, unter dieser Tendenz leidet der Austausch von Argumenten in Diskussionen mehr als die Debatte dadurch gewinnt. Es scheint wichtiger geworden zu sein, welche Identität jemand vor sich herträgt als was er/sie zu sagen hat.
Das GG sichert in Art. 3 ab, dass niemand wegen seiner Identität bzw. "wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse (??), seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen  benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Das ist sehr weise.

(Nebenbei stellt sich die Frage, ob es ein bloßer Zufall ist, dass eine neuere rechtsextreme Bewegung sich den Namen "Die Identitären" gewählt hat. Das Primat der Identität eignet sich nämlich sehr dazu, bestimmte Menschen auszuschließen oder gar zu bekämpfen, weil sie vermeintlich nicht dazu gehören.)

In Olpe angekommen habe ich direkt die von Ewald Mataré gestaltete Gedenkstätte gesucht, die an der Stadtmauer im Zentrum der Stadt liegt, und ich konnte zuerst gar nicht glauben, sie gefunden zu haben. Ich habe mich in den vergangenen Monaten ein wenig mit Mataré beschäftigt, als einem Vertreter der rheinischen Moderne und als Lehrer von Joseph Beuys. Die Arbeit in Olpe zählt für mich nicht zu den Glanzstücken seines Werkes. Ein großes goldenes Kreuz, eine schwarze Kette mit Totenköpfen und eine Steinplatte mit der Aufschrift:  

Gefallen - Erniedrigt - Gehetzt. 
Wachet für Freiheit und Recht.






Jedenfalls habe ich dort die zweite Rezitation des Tages gemacht, und zwar um 15.15 Uhr.















Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich erstaunlich schwierig und zuguterletzt bin ich in Eichhagen gelandet. Das liegt nicht ganz auf meinem Weg, sondern etwas nördlicher direkt am Biggesee.

Fundstücke:
schwarz-rot-gold à la Mataré:



zwei Einträge ins Gästebuch. Welcher stammt von mir?