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Dienstag, 28. Mai 2019

DANKE!!!

Die Grundgesetzwanderung ist zu Ende.
Es wird Zeit, DANKE zu sagen!

DANKE an alle, die mit mir gewandert sind!
DANKE an alle, die mich finanziell unterstützt haben!
Das Geld hat mir nicht nur konkret sehr geholfen, sondern war ein starkes Symbol dafür, dass die GG-Wanderung für viele Freunde und Bekannte ein sinnvolles Projekt gewesen ist.
DANKE an alle, die die Wanderung auf dem Blog mitverfolgt haben und vielleicht noch im Nachhinein verfolgen!
DANKE an alle, die mit mir über die GG-Wanderung gesprochen haben und die mir geschrieben haben!
DANKE an alle, die mit anderen über die Wanderung gesprochen haben und die für die Aktion geworben haben!
DANKE an alle, die Informationen an Presseorgane und Institutionen geschickt haben!
DANKE an alle, die mir bei der Umsetzung geholfen haben (Danke Karin für die Karte!)!
DANKE an alle, die mir bei den Begleitaktionen geholfen haben!

Weitere Folgen, Resultate und Nachwirkungen der GG-Wanderung werde ich womöglich hier im Blog, der ja im Netz bleibt, notieren. Ich bin gespannt, wie die Spät- und Fernwirkungen der Wanderperformance sich gestalten.
Für mich geht jedenfalls eine gut zweijährige sehr intensive Phase zu Ende und ich muss jetzt erstmal sacken lassen...

Samstag, 25. Mai 2019

Der 63. Tag: 23. Mai 2019

Görlitz

Am Morgen bin ich zum MDR-Studio gegangen, um das Interview für die WDR5-Sendung "Neugier genügt" zu machen. Die ganze Geschichte, die sich da ereignet hat, gehört nicht zum Thema dieses Blogs. Kurz gesagt gab es verschiedene Schwierigkeiten, aber ich habe nach meiner Einschätzung ein paar Dinge sagen können, die mir wichtig sind. Man kann das Interview auf WDR5 nachhören:
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-neugier-genuegt-freiflaeche/audio-grundgesetz-wanderungen-100.html.

Auch die Redakteurin im MDR-Studio hat noch ein Interview mit mir gemacht. Ich weiß aber nicht, ob davon etwas gesendet worden ist.
Wenn man in einer solchen Sendung auftritt, wird man ganz automatisch zum Beitragsmaterial, das dem legitimen Zweck dient, eine interessante Sendung zu machen. Aber dem Charakter der GG-Wanderung werden solche Ausflüge in die Medien nicht gerecht. Jedenfalls habe ich mich damit nicht sehr wohl gefühlt, obwohl es natürlich schön ist, dass über diesen Weg vergleichsweise viele Menschen von der Wanderperformance erfahren haben.

Danach bin ich zur Brücke an der Neiße gegangen, habe mit den FreundInnen einen Kaffee getrunken und dann um 11.30 Uhr
die erste Rezitation des Tages (3x) gemacht.


Das war für mich der offizielle Abschluss der Grundgesetzwanderung.
Es kam noch einmal zu den verschiedenen Reaktionen von Neugierde und Zuhören bis zu Scheu, Abwehr und Ignoranz, die mich während der zwei Jahre durchgehend begleitet haben.
Das Ende war dann kein Knall, sondern ein langsames, sanftes Ausklingen. Das fand ich sehr passend.










Am Abend hatte unser Gastgeber in der Alte Ofenfabrik in Görlitz ein paar Freunde und Bekannte eingeladen, und ich habe im kleinen Kreise von knapp 20 Gästen von meiner GG-Wanderung erzählt.
Anhand des Plakates, das ich bei den Rezitationen vor mir liegen hatte, konnte ich erläutern, was ich mit der Wanderung im Sinn hatte.


Dann habe ich noch eine Rezitation (1x) durchgeführt, auf die eine ziemlich lange und angeregte Diskussion folgte. Ich will nur einen Punkt herausgreifen: Natürlich kam die Frage auf, ob es in den Reaktionen der Menschen, die mir begegnet sind, einen Unterschied zwischen Ost und West gegeben hat. In meiner Erfahrung war dieser Unterschied viel kleiner als ich ihn erwartet hatte. Ich habe mit einigen Leuten darüber gesprochen, dass den neuen Bundesländern das GG übergestülpt wurde, statt wie es eigentlich gedacht war, mit der Wiedervereinigung auch eine gemeinsame Verfassung zu formulieren - auf der Grundlage des GG. Aber meistens wurde das Thema von mir angesprochen. Ansonsten war die Verteilung der verschiedenen Reaktionen auf die Rezitation oder auf mein Erzählen von der GG-Wanderung in allen Regionen mehr oder weniger gleich. Einen Unterschied zwischen Ost und West hat es nicht gegeben. Sollte die Gleichheit der Lebensumstände in neuen und alten Bundesländern schon weiter sein, als es in der politischen Debatte manchmal scheint?

Am Schluss des Abends habe ich zwei Einträge aus diesem Blog vorgelesen. Das hat überraschend gut funktioniert und wer weiß, vielleicht folgt auf die GG-Wanderung ein Phase mit Lesungen aus diesem Konvolut......


Fundstücke:

                                                                                                       wunderbare Brotvermehrung?




















Art. 3: Männer und Frauen sind gleichberechtigt(?)

Mittwoch, 22. Mai 2019

Der 62. Tag: 22. Mai 2019

Jauernick - Görlitz

Beim Frühstück im St. Wenzelslaus Stift habe ich eine Mitarbeiterin des Hauses auf das Exemplar des Grundgesetzes im Zimmer angesprochen. Wegen des 70. Jahrestages ist es in alle Zimmer des Hauses gelegt worden. Das fand ich natürlich großartig und habe ihr von der GG-Wanderung erzählt. Sie hat direkt den Leiter des Bildungszentrums gerufen, der an dem Thema sehr interessiert ist und am 23. Mai eine Veranstaltung zum GG mit Kirchenvertretern durchführt. Der Leiter war von der GG-Wanderung sehr angetan und hatte die Idee, mich in seine Veranstaltung zu integrieren. Aber ich bin schon anderweitig verplant.
Wir hatten ein sehr intensives und anregendes Gespräch über verschiedene Aspekte des GG. Es ging z. B. um das Christentum als Quelle für einige wichtige Grundrechte, wie die Würde aus Artikel 1 und die Gleichheit aller Menschen in Artikel 3, um die Fehlentwicklungen des Neoliberalismus und die Frage, welche echten gesellschaftspolitischen Probleme den fehlgeleiteten rechtspopulistischen Tendenzen zugrunde liegen. Inwieweit geht es da um schwindende Gerechtigkeit, um angegriffene Würde oder um den Versuch, Zugehörigkeit und Identität zu finden? Wieso funktioniert das mit den Gewerkschaften nicht mehr gut? Oder mit den Kirchen, könnte man hinzufügen. Oder mit der Partei der Linken?
Es gibt viel zu besprechen. Mir ist in dem Gespräch nochmal deutlich geworden, dass das Unbehagen an der neoliberalen Kultur längst die sogenannte Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Bis hin zur ethischen Infragestellung von Aktienbesitz, der nur den Renditen, aber nicht dem Allgemeinwohl dient, werden die Strukturen dieser Welt, die aufs falsche Pferd des fast ungezügelten Kapitalismus setzt - statt auf die Werte des GG - von Teilen der gesellschaftlichen Mitte kritisiert und angeprangert.
Ein weiterer Punkt in dem Gespräch war die allgemeine Entwertung der Provinz und ihrer Lebensformen in der öffentlichen Wahrnehmung und medialen Präsenz. Da bin ich selbst nicht ganz frei von Ressentiments. Ich genieße das großstädtische Leben mit seinen Freiheiten, aber durch die GG-Wanderung habe ich eine Ahnung davon bekommen, wieviel Provinz es in Deutschland gibt und wieviele Menschen in der Provinz leben. In der Wahrnehmung dieser wenig repräsentierten "Mehrheit" gibt es in Politik, Öffentlichkeit und Kultur sicher Korrekturbedarf.

Nach dem guten Gespräch habe ich mich entschieden, um 9.40 Uhr
die erste Rezitation des Tages im Hof des Wenzelslaus-Stifts zu machen.

Danach ging es durch Regen und Wind weiter in Richtung Görlitz, zu Beginn durch einen sehr schönen Buchenwald, später übers freie Feld, das wir mit durchnässter linker Seite (Windrichtung!) wieder verließen.
Von der Landeskrone, dem Hausberg von Görlitz haben wir nicht viel gesehen. Er war im Nebel versunken.
Schon in den Randbezirken der Stadt sind wir auf weitere"Verstärkung" aus Köln getroffen. Karin L., Freundin und Mitglied von unserem Ensemble KörperSchafftKlang kam uns mit ihrer Schwester entgegen, um uns auf den letzten Kilometern zu begleiten.

Der Weg führte uns an einem großen jüdischen Friedhof vorbei, wo wir eine neue Gedenkstätte aus dem Jahr 2015 fanden, mit der der Juden gedacht wird, die im nahegelegenen KZ Biesnitz 1945 ermordet wurden. Die Skulptur aus Eisen ist in ihrer Zurückhaltung sehr beeindruckend. Links am Wegesrand liegt eine Schiene am Boden mit Text in hebräisch und deutsch. Rechts sieht man eine Reihe von Stelen und die Inschriften der Namen der Ermordeten, soweit sie bekannt sind.

Das war kein Ort für eine Rezitation, die Gedenkstätte und der Friedhof verlangen Schweigen.

Ein sportlich gekleidetes Paar fragte mich/uns, ob wir auf dem Jakobsweg pilgern und ich sagte, dass unsere Pilgertour über den WDE von Aachen nach Görlitz geführt hat. Die GG-Wanderung fanden beide interessant, den Mann beschäftigte die Frage, warum der Wanderweg der Deutschen Einheit gerade in Aachen beginnt.





In der Nähe des Bahnhofs habe wir eine Rast eingelegt und uns mit Kaffee und erstaunlich gutem Kuchen für das letzte Stück des Weges gestärkt.


Auf den letzten Metern zur Brücke über die Neiße, wo der WDE beginnt bzw. in meinem Fall endet, war ich innerlich doch ziemlich bewegt. Hier geht eine Aktion zu Ende, die mich gut zwei Jahre lang beschäftigt hat und die nicht nur während der Wanderung, sondern auch in den Zwischenzeiten prägend auf mein Leben wirkte.
Die GG-Wanderung ist jetzt so gut wie abgeschlossen. Das ist für mich eine große Sache. Was das genau bedeutet, wird sich erst im Abstand zeigen.
Jedenfalls habe ich um 13.30 Uhr die zweite Rezitation des Tages (1x) gemacht.

Ein emotionaler Moment.
Danach habe ich meine Begleitgruppe zu einem Glas Sekt eingeladen. Das Café, in das wir gegangen sind, hatte nur Prosecco und so kam zuguterletzt noch einmal die europäische Perspektive mit ins Spiel.
Danach ging es in die schöne Alte Ofenfabrik, wo wir zwei Ferienwohnungen gemietet haben, und wo morgen eine kleine Abschlussveranstaltung stattfinden wird.





Fundstücke:

Dienstag, 21. Mai 2019

Der 61. Tag: 21. Mai 2019

Löbauer Berg - Rotstein - Friedersdorf - Jauernick

Für die vorletzte Etappe hatten wir uns vorgenommen, eine etwas längere Strecke zu wandern, um morgen entspannt und nicht zu spät in Görlitz ankommen zu können. Der erste Teil des Plans hat funktioniert. Wir sind ca. 23 Kilometer gegangen, was bei dem sonnigen und schwülen Wetter  schweißtreibend war.
Wir sind vom Löbauer Berg hinabgestiegen, ein Stück durch Feld und Dorf gegangen und dann den sehr steilen Berg zum Rotstein hochgestiefelt. Zuerst schien es, als hätten wir das Glück auf unserer Seite und wir würden im Berghotel einen Kaffee bekommen. Doch nach knapp einer halben Stunde Wartens - mit einem Glas Leitungswasser - stellte sich heraus, dass die offenbar hochkomplexe Kaffeemaschine nicht so einfach anzuwerfen ist.
Auf dem ganzen Weg heute ist mir keine Stelle begegnet, die nach einer Rezitation gerufen hätte. Zwischendurch habe ich wandernd für mich eine Rezitation eingeschoben. Für daraus resultierende Assoziationen und Überlegungen fehlte mir da offenbar schon die geistige Frische, die unter der Sonneneinstrahlung und den zu bewältigenden Steigungen merklich gelitten hatte. Auf der Wanderkarte hatte ich vorher gesehen, dass es in Friedersdorf eine Kirche mit Namen St. Ursula gibt und ich hatte die Option innerlich notiert, dort eine Rezitation zu machen. Ursula ist bekanntlich eine der Stadtheiligen von Köln und eine Rezitation vor der Kirche mit dem selben Namen schien mir eine Möglichkeit, eine Verbindung herzustellen zwischen der Gegend hier, am Ende der GG-Wanderung und dem Rheinland, wo ich mehr oder weniger losgewandert bin und außerdem wohne.
In Friedersdorf haben wir den Umweg zur Kirche St. Ursula eingelegt. An der Straße fanden wir eine Friedenseiche von 1871, die allerdings von direkt zwei Gedenksteinen, u.a. für die "glorreichen Helden" umzingelt ist. An der Friedenseiche hätte ich mir eine Rezitation vorstellen können, aber in der Nähe von glorreichen Helden fühle ich mich fehl am Platz.
Die Kirche war geschlossen. Wir haben uns einen Platz mit einem Wiesenstück an der Kirchenwand ausgesucht, aber ich kann nicht sagen, dass ich mich sonderlich wohl gefühlt hätte mit der
ersten Rezitation des Tages (1x), die um 15 h stattfand.

Irgendwo hatten wir gelesen, dass es in dem Ort ein Gasthaus gibt, gefunden haben wir eine Art Kiosk mit kleinem Dorfladen, wo Kaffee und regional hergestelltes Eis auf uns warteten. Sehr wohltuend!

So gestärkt haben wir uns aufgemacht, auch noch die letzte Teilstrecke des Tages zu wandern und um ungefähr 17 h kamen wir im St. Wenzelslaus Stift in Jauernick an. Irgendwie gefällt es mir gut, dass wir die letzte Nacht, bevor wir den Endpunkt der GG-Wanderung erreichen, in einem religiös konnotierten Haus verbringen. Die erste Nacht nach dem Start der GG-Wanderung in Aachen habe ich in einem Kloster in Kornelimünster übernachtet. Es schließt sich also gewissermaßen ein Kreis und auf diese Weise wird der Pilgercharakter der GG-Wanderung, von dem ich an anderer Stelle kurz gesprochen habe, betont.

Die schönste Überraschung aber bestand heute darin, dass auf dem Tisch in unserem Zimmer eine Ausgabe des GG lag!
Das ist mir auf der ganzen Wanderung nicht passiert. Sollte ich etwa nur der Hase sein, der mit dem GG durch Deutschland läuft und der Igel ist immer schon da, mit dem Grundgesetz unter dem Arm? Das wäre eine sehr schöne wanderungsabschließende Erkenntnis.















Fundstücke:

Wandsprüche am Wegesrand:
(Toskanafraktion?)

















Tanks am Wegesrand:

Der 60. Tag: 20. Mai 2019

Cosul - Czorneboh - Löbauer Berg

Am Morgen haben wir uns bei noch einigermaßen angenehmen Wetter auf den Weg gemacht, der größtenteils durch den Wald führte. Im Teilstück kurz vor Czorneboh - das übrigens "Schwarzer Gott" auf sorbisch heißt - gab es einige im wörtlichen Sinne herausragende Steinformationen. Ein paar dieser Steine hatten eigene Namen, wie Opferbecken oder Teufelsfenster. In der Gegend gibt es auffällig viele Stellen, die mit dem Teufel verbunden werden. Vermutlich handelt es sich um Plätze, die schon in vorchristlichen Zeiten eine religiöse oder kultische Bedeutung hatten. 
Vor dem Teufelsfenster habe ich im 10.30 Uhr 
die erste Rezitation des Tages (1x) gemacht. 


Das war ein einsamer Ort und außer unserer Wandergruppe hat sich nur ein kleiner Vogel zu uns gesellt und von einem Baum aus direkt vor mir zugehört.
Das Teufelsfenster wird offenbar auch Fragefenster genannt und in einer Art Gipfelbuch wird man aufgefordert, eine solche Frage zu stellen. Unsere lautete: Wieso gibt es eigentlich gegen eine so vernünftige und kluge einrichtung wie das GG Widerstände? Was bewegt Leute, diesen gemeinsamen Boden eines friedlichen und zivilisierten Zusammenlebens zu verlassen?

So fragend sind wir weitergezogen und haben in der Baude Czorneboh, die überraschenderweise schon geöffnet hatte, einen Kaffee getrunken. Dann ging es weiter den Berg wieder hinunter. Wir kamen an einer Schubertlinde vorbei, die vor knapp 20 Jahren vom Schubertchor in Bautzen gepflanzt worden ist. Dann an einer Plakette, die in einem runden Steinkreis hing und von einem Vatertags-Ausflugsgrüppchen dort angebracht wurde und offenbar jährlich poliert wird. Und dann fanden wir einen Gedenkstein für Jakob Böhme, den Görlitzer Schuster und Philosophen, der für den deutschen Idealismus eine wichtige Quelle darstellte - für Hegel, Herder und, wie es auf der Plakette heißt: Schilling.
Wieso mitten im Wald dieser Gedenkstein steht, konnte ich nicht ermitteln, aber der Ort schien mir geeignet für die zweite Rezitation des Tages (1x), die um 12 Uhr stattfand.

Von dort aus ging es - mittlerweile in leichtem Dauerregen -  weiter auf den Hochstein, wo sich an den Felsen eine Stempelstelle für den WDE befand. Dieses eine Mal habe ich mir den Stempel abgeholt!
Der Regen wurde stärker, wir kamen vom Berg und aus dem Wald ins Tal und am ehemaligen Bahnhof von Kleindehsa haben wir in einer Regenpause unseren Proviant verspeist. 
Bis Löbau zog sich der Weg noch ziemlich hin, ein letzter schwerer Regen ärgerte uns, bevor wir im Zentrum des Städtchens, das einen sympathischen Eindruck auf uns machte, ankamen. In der Tourist Info haben wir mit Hilfe zweier Mitarbeiter in Sachen Übernachtung recherchiert und am Ende Zimmer auf dem Löbauer Berg gebucht. Ich habe eine Wanderkarte gekauft und eine Stofftasche mit dem schönen Spruch: Je weiter der Blick desto freier das Herz. 
Der Satz, mit dem die Stadt Löbau für sich wirbt, stammt vom Aussichtsturm auf dem Löbauer Berg, den wir nach einem sehr anstrengenden Auffstieg bestaunen konnten.
Der Turm besteht ganz aus Gusseisen und ist im Jahre 1854 auf Initiative eines Bäckermeisters errichtet worden. Ein beeindruckendes Bauwerk, auf dem ich, nachdem die 190 Stufen mit vorletzter Kraft erklommen waren,
die dritte Rezitation des Tages (1x) um 17.30 Uhr gemacht habe. 

Eine schöne und vielfältige Ausbeute an Rezitationen war das heute. Bei der ersten am Teufelsfenster habe ich übrigens keine Widerstände in der energetischen Situation des Ortes wahrgenommen, wie das manchmal schon der Fall gewesen ist. Es fiel mir zwar nicht ganz leicht, die Konzentration zu halten, aber das hatte mehr mit meiner inneren, noch etwas angespannten Situation kurz vor dem finale der GG-Wanderung zu tun. 
Jakob Böhme ist nicht nur ein leuchtendes Beispiel für jemanden, der lange vor Kant den Mut besaß, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sondern auch offen genug war, um die Möglichkeiten, die seine Persönlichkeit ihm bot, auszukundschaften und sie umzusetzen. Vom Schuster zum Philosophen und zurück führt kein ausgetretener Weg. Böhme hat schon im frühen 17. Jahrhundert gezeigt, was es heißt, die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit aus Artikel 2 GG ernsthaft zu betreiben. Und erfahren müssen, dass Freigeister von weniger freien Geistern gerne angefeindet werden. 
Der Bäckermeister aus Löbau, der Mitte des 19. Jahrhunderts den gusseisernen Turm ersann und die Idee auch in die Tat umsetzte, muss von ähnlichem Kaliber gewesen sein wie Jakob Böhme. Frei denkende und handelnde Handwerker. 
Je weiter der Blick, desto freier das Herz!

In der Gaststätte am Turm, in der wir übernachtet haben, gab es kein Internet. Der Blog musste warten. 

Während der Wanderung haben wir über verschiedene Aspekte des Grundgesetzes gesprochen. Das Grundgesetz kann heute nur verstanden und gedeutet werden, wenn man mitdenkt, dass es eingebunden ist in die Grundrechtscharta der Europäischen Union und die Bestimmungen der Vereinten Nationen. An beides ist die Bundesrepublik gebunden. In einigen Punkten gehen diese internationalen Verpflichtungen über das GG hinaus, so etwa bei den Kinderrechten, im Bereich Antidiskriminierung von Minderheiten oder auch beim Schutz von Flüchtlingen. Fragen, wie die, ob die Kinderrechte eigens in die Grundrechte des GG aufgenommen werden sollen, zeigen sich in dem Kontext neu, denn der Staat ist als Mitglied der Europäischen Union und der Vereinten Nationen eh dazu verpflichtet, die Rechte der Kinder zu schützen.
Aus meiner Sicht gibt es allgemein gesagt zwei Arten, das GG zu aktualisieren. Einerseits sind viele wichtige Formulierungen in den Grundrechten so gestaltet, dass sie neue Interpretationen erlauben, ohne den Text ändern zu müssen. Das gilt beispielsweise für Art. 6, in dem steht, dass Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stehen, ohne dass die Verfasser des GG sich je hätten vorstellen können, dass es einmal gleichgeschlechtliche Ehen geben würde. Diese Offenheit für gesellschaftliche Veränderungen gehört zu den großen Stärken des GG. Außerdem werden ja relativ oft Artikel des GG geändert, ergänzt und manchmal sogar gestrichen. Letzteres kann allerdings den Grundrechten nicht passieren. Die Ergänzungen können helfen, ein Grundrecht zu konkretisieren und zu stärken, wie etwas die Gleichberechtigung von Männern und Frauen aus Art. 3, oder sie können ein Grundrecht auch verwässern, wie es mit Art. 16a geschehen ist. Ursprünglich stand da nur der Satz: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht". Seit den neunziger Jahren folgt darauf ein kleiner Paragraphendschungel, der das Recht in verschiedener Hinsicht einschränkt. 

Daraus könnte man schlussfolgern, dass die Verfasser und Verfasserinnen des GG nicht nur viel weiter waren als die Bevölkerung des Jahres 1949, die wahrscheinlich dem GG in dieser Form nicht zugestimmt hätte, sondern auch weiter und konsequenter als die Politik, die glaubt, sich vermeintlichen Sachzwängen beugen zu müssen, statt auf Grundlage der Grundrechte mutige Politik zu machen.

Fundstücke:

Verbote 1-3:




Sonntag, 19. Mai 2019

Der 59. Tag: 19. Mai 2019

Neukirch - Arnsberg - Mönchswalder Berg - Cosul

Eine Besonderheit des Ortes Neukirch besteht darin, dass er wirklich seeeehr langgezogen ist. Von einem Ende zum anderen läuft man wahrscheinlich eine Stunde. Eine andere Besonderheit ist die, dass sich hier offenbar viele mittlere und kleine Gewerbe und Industrieunternehmen angesiedelt haben. Dem Dorf scheint es gut zu gehen. Wäre interessant zu erfahren, ob sich die Situation auf das Wahlverhalten auswirkt.
Wir sind am Morgen nicht durch den ganzen Ort gegangen, sondern nur zur Kirche, wo der Wanderweg beginnt, der uns zurück auf den WDE führen sollte. Kurz nachdem wir auf den Wanderweg abgebogen waren, ist mir etwas passiert, was auf der ganzen GG-Wanderung noch nicht vorgekommen ist. Ich habe mich hingelegt. Im Weg war ein Loch, in das ich getreten bin, während ich woanders hinschaute und dann habe ich mich auf den Knien wiedergefunden. Weitere Verletzungen konnten zum Glück vermieden werden, aber ich neige dazu, solche Vorkommnisse im größeren Kontext zu betrachten und zu deuten. Der Sturz passt dazu, dass ich mich in den vergangenen Tagen etwas wackelig fühlte. Angespannt, vielleicht überfordert? Ich vermute, ein Grund dafür hat mit dem Erwartungsdruck zu tun, den ich mir innerlich aufbaue. Ich will die GG-Wanderung zum anvisierten Termin zu Ende bringen, aber natürlich habe ich nicht alle Bedingungen, die dafür stimmen müssen, in der Hand. Das Wetter etwa. Oder die Gefahr zu stürzen und mich zu verletzen. Und und und. Außerdem gibt es in einer Ecke meines Geistes die seltsame Erwartung, so kurz vor Schluss müssten doch noch ganz besonders interessante Dinge passieren oder Gespräche gelingen, die das GG oder einzelne Artikel in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Kurz gesagt kommt mir die dramatische Logik in die Quere, die im Theater oder im Konzert das Finale immer ganz besonders großartig inszeniert. Eine andere Ecke meines Bewusstseins weiß genau, dass ich hier eine Performance mache, die nach ganz anderen logischen Gesichtspunkten funktioniert. Doch es scheint mir nicht leicht zu fallen, die GG-Wanderung einfach ausklingen zu lassen - ohne herausragendes Finale.

Nach dem kleinen Schreck sind wir weiter gewandert und kurz nachdem wir den WDE erreicht hatten, sind wir schon falsch abgebogen. Nach ein paar Kilometern haben wir bemerkt, dass wir viel zu weit nördlich gelandet sind. Wir haben uns entschieden, nicht zurück zu gehen, sondern auf einem anderen Weg nach Arnsberg zu laufen, wo wir den WDE wiederzufinden hofften.
Wieder einmal hat mich/uns der unfreiwillige Umweg an eine Stelle geführt, die nach einer Rezitation rief. In Arnsberg gibt es ein Gebäude, das früher wahrscheinlich ein Feuerwehrhaus war und jetzt einen Saal für Veranstaltungen, Seminare usw. beherbergt. Vor dem Gebäude steht bzw. hängt eine Glocke, die uns pünktlich um zwölf die Ohren kräftig in Wallung brachte. An der Hauswand befindet sich ein langes Zitat von dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, in dem es um Deutschland, die Deutschen und die Verantwortung geht.
Das Zitat lässt viel interpretativen Spielraum und Fichtes Ideen von der deutschen Nation sind ja eh fragwürdig. Jedenfalls dachte ich, in gut philosophischer Manier will ich Fichtes Ausführungen die Grundrechte des GG zu Seite stellen, sozusagen als starkes Argument, dass man bei der Rede über Deutschland nicht außer Acht lassen darf. Sonst passiert nämlich genau das, was Deutschland im 20. Jahrhundert in den Untergang getrieben hat.
Was die Bürger von Arnsberg wohl bewogen hat, dieses Zitat an die Wand zu schreiben?






Die erste und dann auch einzige Rezitation des Tages (1x) fand dort um 12.15 Uhr statt.




Danach sind wir wieder dem WDE gefolgt, der einige Steigungen für uns bereit hielt. Heute war der bislang wärmste und sonnigste Tag und wir sind ganz schön ins Schwitzen gekommen.
Der Wanderweg führt zur Zeit durch eine Gegend, in der die Ortsschilder zweisprachig sind, deutsch und sorbisch. Die sorbische Minderheit in der Lausitz hatte schon zu DDR-Zeiten einige Minderheitenrechte. Seit auch die Sorben mit dem GG leben, gilt für sie u.a. Artikel 3 Absatz 3, wonach niemand wegen seiner Abstammung oder Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden darf.
In Deutschland gibt es nicht viele alteingesessene Minderheiten mit eigener Sprache. Genau genommen sind es vier sogenannte autochthone Volksgruppen, neben den Sorben die Friesen, die Dänen und die Sinti und Roma.
Eine Pfarrerin in Großpostwitz erzählte, dass sich die protestantischen Sorben mit den Deutschen weitgehend vermischt haben, wogegen die katholischen noch immer sehr unter sich bleiben und ihre Identität pflegen. Das scheint nicht ganz ohne gegenseitige Ressentiments abzugehen. Unsere Vermieterin in Cosul, wohin wir von Großpostwitz wanderten, sprach mit einer leicht ironischen Herablassung von den Sorben in der Niederlausitz. Da gibt es z.B. den Begriff der "Propeller-Miezen" für die Frauen in der sorbischen Tracht, zu der eine große Haarschleife gehört...
Ob Sorben wohl immun sind gegen großdeutschen Nationalismus?

Da es in der Pension, in der wir unterkamen, nichts zu essen gab, hat uns die Hausherrin zu einem Restaurant in der Nähe gefahren. Das war sehr nett. Draußen auf dem vor dem Gasthof steht ein "Mord-Gedenkstein" für zwei Leute, die dort 1859 ausgeraubt und ermordet wurden. Ein Fall für das Strafgesetzbuch, nicht direkt für das GG, in dem trotzdem das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit schon in Artikel 2 genannt werden.
Als wir aus dem Restaurant kamen, stand ein Regenbogen am Horizont.

Fundstücke:


LandArt aus Reifen


Samstag, 18. Mai 2019

Der 58. Tag: 18. Mai 2019

(Polenz) - Neustadt - Neukirch

Nach dem Frühstück im "Erbgericht" haben wir um kurz nach neun den Bus zurück nach Neustadt genommen. An der Bushaltestelle fanden wir einen Aufkleber, auf dem stand: "Hier verschwand ein antideutscher Hetzaufkleber. Wählt nationale Parteien".
Die Präsenz von rechtsextremen Sprüchen im Straßenbild ist hier in der Gegend manchmal verstörend. Ich komme später darauf zurück.
In Neustadt hatte die Tourist Info schon geöffnet. Ich habe eine Wanderkarte gekauft. Mit der Suche nach einer Bleibe für die nächste Nacht kamen wir dort nicht weiter.



Wir sind dann ins Ortszentrum gegangen, wo ich auf dem Marktplatz um 10h
die erste und einzige Rezitation des Tages (1x)
gemacht habe.


Reaktionen gab es darauf keine. Der Marktplatz machte auch keinen besonders belebten Eindruck. Es gibt einen kleinen Brunnen, der daran erinnert, dass dort bis 1935 (!) noch Viehmärkte stattgefunden haben.


Mit etwas Mühe und Hilfe einer Einheimischen haben wir den Weg gefunden, der uns in Richtung Neukirch führen sollte. Ursprünglich wollten wir von dort noch ein Stück weiter, doch es sollte anders kommen. Nach knapp einer Stunde durch die Ausläufer von Neustadt ging es in den Wald, der uns den größten Teil der Strecke beschattete, was heute bei gestiegenen Temperaturen ganz angenehm war. Auch die vielen zu absolvierenden Höhenmeter wurden dadurch etwas weniger mühsam.
Mittagsrast machten wir in einer Baude auf Bergeshöhe, mit Spargelcreme- bzw. Wildsuppe und Kaffee. Außerdem haben wir von dort aus drei Gasthöfe hinter Neukirch angerufen, die alle keine Zimmer mehr für uns frei hatten. Jetzt hieß es, darauf zu hoffen, dass wir in Neukirch eine Bleibe finden.
Rezitationsorte haben sich mir im Wald keine angeboten. Beim Aufstieg zum Valtenberg habe ich deshalb vor mich hin rezitiert und abgewartet, wo mein Geist hängen bleibt. Nicht ganz überraschend stach Artikel 18 heraus, in dem es darum geht, dass der Missbrauch der Meinungsfreiheit in ihren verschiedenen Ausformungen "zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" zum Verlust dieser Grundrechte führt. Für meinen Geschmack ist dieser Punkt bei einigem, was ich schon auf Plakaten - und heute auf diesem Aufkleber an der Bushaltestelle - lesen musste, erreicht. Hier findet - von einer kleinen Gruppe - ein Kampf gegen unsere Grundordnung statt. Die schleichende Gefahr, die von diesen Tendenzen für das GG und seiner fundierenden Bedeutung für unser Staatswesen ausgeht, darf nicht unterschätzt werden.
Artikel 18 steht in einem Spannungsverhältnis zu anderen Grundrechtsartikeln, besonders zu Artikel 5, in dem die Meinungsfreiheit garantiert wird. In der Anwendung der Artikel ist es gut, immer wieder und von Situation zu Situation neu zu justieren, welchem Aspekt das größere Gewicht gegeben wird: der Meinungsfreiheit oder dem Schutz des GG. Dabei widersprechen sich beide nicht unbedingt. Die Meinungsfreiheit gilt auch für Meinungen, die außerhalb der freiheitlich demokratischen Grundordnung angesiedelt sind. Doch wenn daraus Handlungen resultieren, die gegen die Grundordnung gerichtet sind, müssen Staat und Bürger konsequent dagegen halten.

So sinnierend bin ich den Berg hochgestiefelt und erinnerte mich an die kleine Gewohnheit, auf den jeweils höchsten Erhebungen einer Etappe eine Rezitation zu machen. Diese Gewohnheit hatte ich auf dieser Mai-Etappe bislang ganz vergessen. Der Valtenberg ist mit immerhin 587 Metern der höchste Berg in diesem Teil der Lausitz und bot sich von daher für eine Wiederaufnahme der Privattradition an. Doch oben angekommen war kein Platz zu finden, der zum Rezitieren geeignet gewesen wäre und so habe ich mich unverrichteter Dinge wieder an den Abstieg gemacht. Man muss von Gewohnheiten auch Abschied nehmen können.
Am Bahnhof in Neukirch wartete Wanderverstärkung aus Köln auf uns und ab sofort sind wir zu dritt unterwegs! Jetzt bgleitet uns Maria G, Freundin und Mitglied im Stimm-Performance Ensemble KörperSchafftKlang.

In Neukirch hatten wir Glück und haben eine Unterkunft gefunden, und zwar wieder in einem Gasthof zum Erbgericht! Dieser hat aber im Gegensatz zu seinem Namensvetter in Polenz seine Vergangenheit weitgehend hinter sich gelassen. Von außen historisch, von innen modern.

Fundstücke:

 LandArt
 kleines Glück?

Freitag, 17. Mai 2019

Der 57. Tag: 17. Mai 2019

Hohnstein - Neustadt (Polenz)

Der WDE führt von Hohnstein, wo wir die Nacht verbracht haben, ein gutes Stück lang über die Landstraße. Das wollten wir uns ersparen und wir sind stattdessen den Kälbersteig durch ein sehr schönes Tal mit maigrünen Buchenwälder gelaufen. Dadurch war der Begriff "idyllisch" von Beginn an in unserem aktiven Vokabular bereitgestellt und musste sich erst kurz vor Neustadt, unserem heutigen Ziel, in den Hintergrund verziehen.
Der größte Teil des Weges führte heute durch das Polenztal. Die Strecke war zwar nicht so spektakulär wie gestern, aber sie hatte alles zu bieten, was man sich von einer typischen deutschen Mittelgebirgslandschaft so wünscht: ein zwischen Plätschern und Rauschen variierender und mäandernder Bach, tief eingeschnittene Tallagen und weite saftig grüne Wiesen, weiche Waldwege und ein paar kurze Klettereinlagen.
Direkte Anregungen für die Beschäftigung mit dem GG waren am Wegesrand ebensowenig zu finden wie in unserem Geist, der sich in den Erholungsmodus verabschiedet hatte.
Auf einer in verschiedenen Grüntönen schimmernden Wiese fanden wir eine Bank, auf der wir die Mittagspause einlegten. Das Wetter war heute das erste Mal freundlich zu uns und so konnten wir es entspannt genießen, unseren Proviant aufzuessen. Irgendwann dachte ich, warum sollte ich nicht an dieser Stelle eine Rezitation der Grundrechte machen. Gedacht - getan. Aus dem einzigen Grund, weil es dort so schön war. Nach den relativ schweren Orten der vergangenen Tage schien es mir angemessen, an dem einfach nur schönen Ort
die erste Rezitation des Tages (1x) um 12.40 Uhr durchzuführen.

Es sollte die einzige bleiben.
Während des Rezitierens kamen sogar zwei andere Wanderer vorbei, die aber so in ihr Gespräch vertieft waren, dass sie mich und die Rezitation nicht wahrgenommen haben.

Danach ging es weiter durch die Mittelgebirgsidylle und erst ab dem Ort Polenz, der kurz vor Neustadt liegt, wurde der Weg weniger reizvoll. Neustadt ist seit längerem die erste kleine Stadt, durch die der WDE führt, die nicht touristisch aufgehübscht ist. Wir sind durch sehr weitläufige Wohnsiedlungen gelaufen, bevor wir die Tourist Info erreichten. Die sehr freundliche Frau dort konnte uns zu unserer Überraschung kein Zimmer mehr vermitteln, weil alles besetzt war. So mussten wir notgedrungen mit dem Bus zurück nach Polenz, wo wir im Gasthof Erbgericht unterkamen. Erbgericht? Genau. Im Erzgebirge war ich schon einmal in einem Gasthof mit diesem Namen.
Dieser hier ist ein sehr großes Gebäude aus dem Jahr 1898, zu groß, um gut bewirtschaftet zu werden, meinte die Chefin zu uns.
Als wir ankamen, war das Zimmer noch nicht fertig und wir mussten auf der riesigen Terrasse, auf die man von dem Zimmer aus kommt, warten bis alles sauber und bereitet war.
Haus und Zimmer versprühen den Charme der Vergangenheit, die versucht, den Kontakt mit der, Gegenwart nicht zu verlieren. Ist mir das so sympathisch, weil ich das Problem aus eigener Erfahrung kenne?
Das eigentliche Problem dahinter besteht darin, dass man im Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart Gefahr läuft, sich selbst zu verlieren. Das scheint mir eine Gefahr, die auch das GG betrifft. Bestes Beispiel ist Art. 16a, der ursprünglich nur aus dem einfachen Satz bestand: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht. Die Aktualisierungen, die es dazu gegeben hat, sind nicht nur seitenlang, sie lesen sich auch als Verwässerung des ursprünglichen Artikels. Bei aller Notwendigkeit, das GG an die Gegenwart anzupassen, ist es wichtig darauf zu achten, die eigentliche Essenz nicht zu verlieren. Manchmal ist weniger mehr.

Wir haben am Abend gut gegessen und selbst das vegetarische Angebot war nicht nur überhaupt existent, sondern sogar geschmacklich absolut akzeptabel.


Fundstücke:

 nicht nur im Kloster beliebt...

 antikes Zeugnis der Telekommunikation (Torso)


natürliches Farbenspiel                                                         natürlicher Hunger

Donnerstag, 16. Mai 2019

Der 56. Tag: 16. Mai 2019

Pfaffendorf - Königstein - Hohnstein

Nach einer schwierigen Nacht haben wir uns kurz nach neun Uhr wieder auf den Weg gemacht. Beim Auschecken sah ich an der Wand des Büros ein Jura-Diplom, das offenbar zu der jungen Frau gehörte, die meine Rechnung fertig machte. Als Juristin, sagte ich zu ihr, könne sie doch vielleicht Interesse an meiner Aktion haben. Ich habe ihr eine Karte von der GG-Wanderung gegeben und sie meinte, da hätte ich mir ja eine große Aufgabe gestellt und ich wäre mit einem guten Auftrag unterwegs.
Als wir losgingen, war das Wetter wie gestern: kalt und neblig. Zum Glück regnete es nicht. Wegen der Trotzreaktionen unserer Körper auf die gestrige lange Regenwanderung habe wir uns vorgenommen, es heute etwas lockerer anzugehen. Wir sind langsam nach Königstein an die Elbe gegangen und dort zunächst zur Tourist Info gelaufen. Ich habe eine neue Wanderkarte erstanden. Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft in Hohnstein konnten uns die Mitarbeiterinnen dort nur sehr eingeschränkt geben. Ein Ort für eine Rezitation hat sich nicht auf Anhieb angeboten und so sind wir erstmal in das Kaffeehaus gegangen, um die nächsten Schritte bei einem Kaffee zu planen. Dabei half uns die sehr nette Chefin des Hauses, die uns nicht nur freundlich begrüßte, sondern ein Gespräch begann, das auch von ihrer Seite mit echter Neugierde geführt wurde. Wir kamen bald auf die GG-Wanderung zu sprechen und sie reagierte fast begeistert auf die Aktion und meinte, sie würde sich auf jeden Fall den Blog ansehen.
Dann erzählte sie, dass sie nach der Wende für 10 Jahre ins Rheinland gegangen ist, weil "hier im Osten alles zusammenbrach". Eine eingesessene Bäckerei hatte keine Chancen mehr, weil alle nur noch das Junk-Food aus dem Westen kaufen wollten. Sie ging in den Westen, kam nach zehn Jahren zurück und machte sich selbständig.
Sie hat uns empfohlen, auf die Festung Königstein zu fahren, weil das ein Muss für den Besuch der Sächsischen Schweiz sei. Das haben wir dann auch getan und ich bin erstmals in den zweifelhaften Genuss gekommen, mit einer dieser Bimmelbahnen zu fahren, die wie Kindereisenbahnen aussehen und die Touristen durch mehr oder weniger alle deutschen Städte kutschieren. Die Festung Königstein ist sehr imposant, der Ausblick selbst mit Wolken und Nebel beeindruckend, aber die riesige Anlage strahlt nicht gerade eine heimelige Atmosphäre aus. Vielleicht hat die tendenziell bedrückende Stimmung dort oben damit zu tun, dass über viele Jahrhunderte ein Gefängnis betrieben wurde.
Irgendwo sahen wir einen Hinweis auf einen Jugend-Werkhof, der nach dem 2. Weltkrieg in der Festung existierte. Jugend-Werkhof hört sich gut an, skeptisch wurden wir, weil die Jugendlichen, die dort lebten, auf den Infotafeln als Insassen bezeichnet wurden. Tatsächlich handelte es sich um eine geschlossene Anstalt für Kinder und Jugendliche, die als äußerst problematisch galten und in kriminelle oder politische Machenschaften verwickelt waren. Davon gab es nach dem Kriege notgedrungen sicher sehr viele. Die Kinder, die auf der Festung Königstein landeten, durften den Werkhof nicht verlassen und man hat versucht, sie zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft - der sozialistischen nota bene - zu formen. Pädagogisch berief man sich zu Beginn auf den russischen Erziehungswissenschaftler Makarenko, der immerhin körperliche Züchtigung verbot. Doch so etwas wie Nestwärme scheint es im Jugend-Werkhof, der schon Mitte der 50er Jahre aufgelöst wurde, nicht gegeben zu haben. Vom Grundgesetz aus betrachtet hätte gegen die Existenz der Jugend-Werkhöfe nichts gesprochen. Zwar ist die Pflege und Erziehung der Kinder nach Artikel 6 natürliches Recht und Pflicht der Eltern, aber die waren nach dem Kriege oft tot oder nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Das gesamte Schulwesen steht ja nach Artikel 7 unter der Aufsicht des Staates, da würde auch ein Jugend-Werkhof reinpassen.

Wir sind bald wieder zurück nach Königstein und dort auf dem Marktplatz habe ich um 13h
die erste Rezitation des Tages (2x) gemacht.
Der Marktplatz war nicht sonderlich bevölkert, aber immerhin hat sich ein Mann während der Rezitation mein Plakat angesehen.
Danach ging es noch einmal in das Kaffeehaus und gestärkt u.a. mit der Eierlikör-Schoko-Torte - die viel leichter war als man bei dem Namen befürchten würde - sind wir in Richtung Hohnstein aufgebrochen. Zuerst haben wir mit der Fähre auf die andere Seite der Elbe übergesetzt und sind um den Lilienstein gelaufen, einer der imposanten Gesteinsformationen in der Sächsischen Schweiz.



Hinter dem Lilienstein erwartete uns ein Überraschung. Auf einem großen Feld direkt hinter den Felsen gab es in der Nazizeit zuerst eine Fabrik, in der KZ-Häftlinge arbeiten mussten. Später stand dort ein Kriegsgefangenenlager, in dem meist amerikanische Soldaten unter erbärmlichen Umständen versuchten zu überleben. Nach dem Krieg zogen in die Baracken des Lagers Flüchtlinge aus dem Sudetenland ein und blieben z.T. sehr lange dort, sofern sie die ersten Wochen überlebten. Heute ist am Rand dieses Feldes ein kleiner Gedenkort eingerichtet.

Dort habe ich um 15h die zweite Rezitation des Tages (1x) gemacht.



Durch das Polenztal, das alle Erwartungen an romantische Natur mit Fels, Wasser und Grün aufs Schönste erfüllt, ging es dann nach Hohnstein. Nach einigen Irritationen darüber, in welchem Hotel wir unser Zimmer reserviert hatten, sind wir im richtigen gelandet und konnten uns auf eine erholsame Nacht freuen.

Die Sächsische Schweiz, durch die die GG-Wanderung seit zwei Tagen führt, gehört zu den ikonischen Landschaften der deutschen Romantik - neben der Ostsee und dem Rheintal. Man muss nur an Caspar David Friedrich denken, der für einige seiner berühmten Gemälde hier die Motive fand. Die deutsche Romantik hatte einen beträchtlichen Anteil daran, dass die Idee eines vereinigten Deutschlands populär werden konnte. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immerhin in enger Verbindung mit Forderungen nach Demokratie und Meinungsfreiheit hat sich die politische Stoßrichtung später leider geändert.
Sachsen musste für die großdeutsche Idee allerdings mit Krieg und Druck gewonnen werden. Erst nach dem verlorenen Krieg 1866 gegen Preußen wurde Sachsen Teil des Norddeutschen Bundes und verlor damit seine Eigenständigkeit. Ein gewisses Ressentiment gegen die Preußen kann man in den Gesprächen aber bis heute heraushören. Darauf reagiert der Rheinländer mit Verständnis.

Fundstücke:
Notausstieg Joghurt mit Eiz
                                                       Deutschdeko

Mittwoch, 15. Mai 2019

Der 55. Tag: 15. Mai 2019

Augustusberg - Rosenthal - Pfaffendorf

Als wir heute Morgen den Frühstücksraum "mit Panoramablick" betraten, schneite es. Das hat uns überrascht. Im Laufe des Tages änderte sich zwar die Art des Niederschlags - von Schnee zu Schneeregen und schließlich zu Regen - aber ansonsten zeigte er sich konstant und ausdauernd.
Das Wetter gehört zu den Bedingungen dieser Wanderperformance, die ich nicht bestimmen kann und die deswegen zum Unvorhersehbaren, das in der Performance passieren kann, beiträgt. Heute war der Beitrag des Wetters besonders prägend. Ich glaube, das war der erste Tag der GG-Wanderung, bei dem ich mit Dauerregen konfrontiert war. Das hatte Auswirkungen auf die anderen Bedingungen und auf meinen Umgang damit. So haben wir uns entschieden, eine Abkürzung zu nehmen und sind für knapp eine Stunde nicht dem WDE gefolgt.
Die Entscheidung wurde dadurch belohnt, dass wir an einem Gedenkstein vorbei kamen, an dem ich die erste und einzige Rezitation des Tages gemacht habe.





Der Stein erinnert an den kommunistischen Widerstand gegen die Nazis. An dem Ort mitten im Wald hatte die KPD ein Materiallager, anscheinend sogar bis 1939. Das schien mir ein geeigneter Ort für
die erste Rezitation (1x), die um 10.40 h stattfand.

In Westdeutschland ist die KPD bekanntlich 1956 verboten worden und bis heute gilt das Verbot als sehr fragwürdig. Ging von der KPD tatsächlich eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung aus? Das war und ist sehr zweifelhaft. Abgesehen davon, dass viele KPD-Mitglieder, die bei den Nazis im KZ saßen, nun schon wieder mit dem Verbot ihrer politischen Tätigkeit konfrontiert waren, hätte es der jungen Bundesrepublik gut getan, wenn das Grundrecht auf Meinungsfreiheit (Art. 5) und das Verbot, wegen politischer Anschauungen benachteiligt zu werden, auch für das eher versprengte Häuflein von Kommunisten gegolten hätte.

Der Weg führte uns danach in Richtung Rosenthal an einigen der berühmten Felsformationen des Elbsandsteingebirges vorbei, die aber wegen des Regens nicht in voller Pracht und Majestät vor uns erschienen.
In Rosenthal haben wir Rast in einer Fleischerei gemacht, die in einem kleinen Vorraum zwei Stehtische hatte. Da konnten wir uns aufwärmen, stärken und innerlich auf den zweiten Teil der Regenwanderung vorbereiten.






Das anvisierte Ziel hieß Königstein. Geschafft haben wir es bis Pfaffendorf, am Pfaffenstein vorbei, der sich im Nebel vor uns verbarg und fast chinesisch anmutete. Das war ganz reizvoll wie überhaupt das Elbsandsteingebirge mit seinen Formationen bei Nebel und Regen entfernt an Berge in China erinnert, die ebenfalls in ungewöhnlichen Formen aus den Nebeln zu ragen pflegen.


Zu den Bedingungen, die ich mir selbst gesetzt habe, gehört der Zeitrahmen der GG-Wanderung. Ich habe mir vorgenommen, am 23. Mai in Görlitz zu sein, um die Aktion abzuschließen. Bislang war der Termin weit genug weg, um damit entspannt umzugehen, doch jetzt bin ich in der Phase, in der ich genauer rechnen muss, wie ich die verbliebenen Kilometer in der Zeit schaffen kann. Das erhöht den Druck und unsere Entscheidung, heute sechs Stunden durch den Regen zu gehen, hatte auch damit zu tun, dass uns die Zeit für lange Pausen nicht mehr zur Verfügung steht.

Da die Pension, in der wir abgestiegen sind, keine Abendküche anbietet, mussten wir nochmal raus - diesmal mit Schirmen bewehrt, um in einem Gasthaus des Ortes etwas warmes zu essen.

Fundstücke:

Klein-Skulpturen am Wegesrand


Parkplatzplan und dazugehöriger Parkplatz: