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Freitag, 31. August 2018

Der 39. Tag: 31. August 2018

Heute bin ich ohne Verspätungen oder Umwege mit dem Zug von Köln nach Hof gereist, von wo aus ich morgen weiter wandern werde.
Im Zug nach Nürnberg saß für einige Zeit eine Frau neben mir, die aus Kanada stammt und schon seit über 25 Jahren in Deutschland lebt. Sie war von der GG-Wanderung ganz beeindruckt und unser Gespräch landete bald bei der Frage, welche Rolle Gesetze und Regeln im Alltagsleben spielen. Ich habe davon gesprochen, dass mir mit der Zeit immer deutlicher wird, wie sehr die Grundrechte des GG mit meinem Alltag verflochten sind. Da stimmte sie mir zu und brachte zugleich einen neuen Aspekt ins Gespräch. Sie erzählte zuerst ein paar Begebenheiten hauptsächlich aus dem Schulleben ihrer Tochter, die sie sehr zurecht ärgerten. Die Erzählungen offenbarten einen sehr unangenehmen Umgang mit Regeln sowohl bei Lehrern als auch bei Eltern der Schule, die die Regeln nämlich viel wichtiger nehmen als die Kinder. Für mich waren das außerdem Beispiele für die Empörungskultur, in der wir gerade leben und die eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Demokratie darstellt. Jeder "Fehler" wird erst moralisiert und dann mit Empörung verurteilt und bestraft.
Für meine Gesprächspartnerin lag im Umgang mit Gesetzen und Regeln der entscheidende Unterschied zwischen dem Leben in Deutschland und in Kanada. Dort sind Regeln offenbar in erster Linie dazu da, das Leben zu erleichtern und nicht es zu reglementieren. Regeln scheinen in Kanada selten Selbstzweck zu sein, anders als in Deutschland - jedenfalls in der Wahrnehmung der Frau, die beide Länder gut kennt.
Für meine Auseinandersetzung mit dem GG ist daran ein Aspekt besonders erhellend: Die Idee, dem Text der Grundrechte eine fundamentale Bedeutung zu geben, ist - zumindest auch - sehr deutsch. Einem Gesetzestext diese weit über das Pragmatische hinaus gehende Relevanz zuzuordnen, wäre einem kanadischen Künstler wahrscheinlich nicht eingefallen.
Die in Deutschland so oft anzutreffende Eigenart, Regeln und Gesetze zu ernst zu nehmen, ist auch mir nicht fremd. Und trotz des notwendigen inneren Appells, ruhig locker und entspannt zu bleiben, wäre es interessant zu beobachten was passieren würde, wenn die deutsche Gesellschaft begönne, die Grundrechte zu ernst zu nehmen. Das würde sicher einiges verändern.




In Hof bin ich vom Bahnhof direkt zur Freiheitshalle gegangen. Der Name lädt ja eine Rezitation geradezu ein. Doch der moderne Konzertsaal ist nicht wirklich an das innerstädtische Leben in Hof angeschlossen. Der Ort war mir dann doch zu abgelegen und ich habe mich erst mal auf die Suche nach einem Hotel gemacht. (Die Jugendherberge war ausgebucht.) Danach bin ich wieder los und habe einen geeigneten Ort für die Rezitation gesucht. Eine Buchhändlerin, der ich eine GG- Karte in die Hand gedrückt habe, empfahl mir, mich auf dem Platz vor der Marienkirche (und dem kleinen Buchladen) zu stellen. Nach einer Stärkung im Café und einem Spaziergang durch die Altstadt habe ich mich in der Nähe einer Gedenkplakette an der Kirche gestellt, die an den katholischen Geistlichen Bernhard Lichtenberg erinnert, der von den Nazis ermordet wurde. Bei seinem Widerstand hat er sich auf sein Gewissen berufen. Art. 4 GG: " Die Freiheit des Glaubens und des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich."

Dort habe ich um ca 18.00 Uhr die heutige Rezitation (3x) gemacht.
Zuerst spielten sich die Reaktionen im üblichen Rahmen von Ignoranz und Distanzierung ab. Zwei Menschen sind über das Infoplakat auf dem Boden gelaufen. Während der zweiten Rezitation kam ein Vater mit seinen zwei Söhnen in meine Nähe und sie hörten mir aufmerksam zu, nachdem sie die Infos gelesen hatten. Deshalb habe ich noch eine dritte Rezitation angeschlossen, während der die Familie, jetzt auch mit Mutter, sehr freundlich grüßend von dannen zogen.
Zwischendurch hatten sie kurz mit einem anderen Mann gesprochen, der in einem Wohnhaus gegenüber ein paar Mal ein und aus ging. Nach der Rezitation kam er auf mich zu und stellte sich als der Pfarrer der Marienkirche vor. Ebenfalls sehr freundlich hat er sich von meiner Wanderung beeindruckt gezeigt und mir gewünscht, dass mir auf dem Weg nur Gutes passiert.

Donnerstag, 16. August 2018

Der 38. Tag: 15. August 2018

Beim Frühstück in dem Gasthof in Pottiga bin ich mit dem einen anderen Gast ins Gespräch gekommen. Ein Radler, der sich seit seiner Rente mit langen Touren durch Europa die Zeit vertreibt. So nahe an der innerdeutschen Grenze blieb es nicht aus, dass wir über die Wiedervereinigung gesprochen haben.
Nach der Wende arbeitete er irgendwo in Ostdeutschland (wahrscheinlich als Ingenieur) und wickelte ein (Kraft ?-) Werk ab, um an gleicher Stelle ein neues aufzubauen. In dem alten arbeiteten ca. 4000 Leute, im neuen nur noch 250, das viel mehr Energie produzierte. Als mein Gesprächspartner davon sprach, blitzte in seinen Augen kurz das Triumphgefühl auf, das man nach der Wende so oft in Wessi-Augen sehen konnte. "Unser System ist schneller, effektiver, billiger! Ihr wart Jahre hinterher im Osten."
Zugleich stimmte er mir aber unumwunden zu, als ich einwarf, die Treuhand hätte den großen Fehler gemacht, die Schicksale der Menschen und die sozialen Aspekte des Umbaus überhaupt nicht in ihre Überlegungen und Entscheidungen miteinbezogen zu haben. Er meinte sogar, dass es darum ging, den westlichen Firmen Konkurrenz vom Leibe zu halten.
Ich habe ihm dann von meiner GG-Wanderung erzählt und ihm eine Karte gegeben. Sofort konnte er damit nichts anfangen, aber es gab eine gewisse Neugierde.

Heute hatte ich des öfteren größere Schwierigkeiten, den richtigen Weg zu finden. Meine Karte war zu grob und der Wanderweg, an dem ich mich orientieren wollte und den ich aus dem Wanderführer zum WDE (aus den 90ern!) kannte, existiert in dieser Form nicht mehr.

Nach einigen Umwegen kam ich am späten Vormittag in Joditz an, einem kleinen Dorf, in dem der Dichter Jean Paul seine Kindheit verbracht hat. Deshalb findet man dort ein Museum, das ihm und seinem Werk gewidmet ist. Das war zwar geschlossen, aber der Vorplatz des Gebäudes machte einen sehr angenehmen und anregenden Eindruck. Auf einer Litfaßsäule mit Informationen zu verschiedenen Aspekten seines Lebens, prangt ganz oben der Satz:

"Die Bücher sind die stehende Armee der Freiheit."



Obwohl ich dem Spruch nicht ohne Einschränkung zustimmen würde und die militärische Metapher auch nicht meine Wahl gewesen wäre, hat mir der Satz den entscheidenden Schub gegeben, um auf dem Platz eine Rezitation der Grundrechte zu machen.

Die Rezitation (1x) fand um 11.40 Uhr statt.

Ungefähr nach der Hälfte kam eine Frau aus dem Gebäude, um einen Brief in den Briefkasten zu stecken. Sie schaute leicht irritiert und durchaus neugierig zu mir rüber und ich habe die Rezitation unterbrochen, bin zu ihr hin, habe ihr eine Karte in die Hand gedrückt und gesagt, was ich da mache. Ihre Reaktion war ungewöhnlich wach! Sie sagte nämlich, dass sie mit dem, was ich da gerade erzählt hätte, erstmal überfordert sei und brachte damit auf den Punkt, was fast alle meine Gesprächspartner zu Beginn zu fühlen scheinen. Ihr war das aber auch noch bewusst, sie konnte es ausdrücken und wahrscheinlich deshalb offen bleiben und ankündigen, ihren Enkel zu bitten, ihr den Blog im Internet zu öffnen.
Und dann sagte sie noch, dass mir diese Aktion doch bestimmt viel Freude mache, ich hätte doch ein Ziel und ginge es an. Wahrscheinlich hat sie mit dieser Einstellung das Jean Paul Museum mit auf den Weg gebracht.
Eine gute und ermutigende Begegnung.

Danach ging es ohne besondere Vorkommnisse auf dem Jean-Paul-Weg, der nicht durchgehend dem WDE entspricht, weiter.
Nach etwas mühsamen Kilometern durch Hof zum Bahnhof bin ich direkt in den nächsten Zug gestiegen, um noch am Abend wieder in Köln zu sein.
Wahrscheinlich im September werde ich in Hof mit dem nächsten Abschnitt der GG-Wanderung beginnen.

Dienstag, 14. August 2018

Der 37. Tag: 14. August 2018

Ich entwickle mich zu einem Marathon - Wanderer. Heute bin ich schon wieder mehr als 30 Kilometer gelaufen.
Die heutige letzte Etappe auf dem Rennsteig versprach im Vorhinein keine aufregenden Orte für Rezitationen. Deshalb habe ich eine Idee der letzten Tage aufgenommen, den Gedanken, dass ich mit den GG- Rezitationen eine Art Spur lege.
Im ersten Teil der Tagesetappe, die mich über Brennergrün bis Rodacherbrunn, wo es eine Napoleonlinde gibt, führte, habe ich während des Wanderns die Grundrechte rezitiert. Das mache ich sowieso immer wieder zwischendurch, aber heute war es offizielles Programm. Dabei habe ich mich stimmlich zwischen intimer Deklamation und Psalmodieren bewegt.

Die Wanderung führte in diesem Abschnitt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, und es hatte einen gewissen Reiz, das GG gewissermaßen auf diese Linie zu rezitieren.
Die erste Rezitation (5x) des Tages fand also von ca. 8.00 Uhr bis 11.30 Uhr zwischen Steinbach und Rodacherbrunn statt.
Das GG und seine Geschichte besitzt in den ostdeutschen Bundesländern ein paar schattige Facetten. Der Name "Grundgesetz" wurde ja ursprünglich gewählt, um damit auszudrücken, dass diese Verfassung als Provisorium gemeint ist, das nur bis zum Tag einer Wiedervereinigung Geltung hat. Doch als die sogenannte Wende endlich kam, war plötzlich keine Rede mehr davon, nun eine gesamtdeutsche Verfassung zu formulieren.
Das war in meinen Augen ein politischer Fehler, auch wenn eine neue Verfassung dem GG in den meisten Aspekten - und besonders in den Grundrechten - sehr ähnlich hätte sein müssen. So aber wurde das GG den Ostdeutschen einfach übergestülpt und viele Probleme, mit denen wir heute in Deutschland zu tun haben, haben darin zumindest eine wichtige Ursache.

In Rodacherbrunn bin ich in die Imbisshütte gegangen, die auf dem Weg lag und habe mich mit Bockwurst (die hier Fleischwurst heißt) und Kaffee gestärkt. Außer mir waren noch zwei Männer dort, die sich, als sie rein kamen, mit an meinen Tisch setzten, der zentral im Raum stand. Die beiden waren offensichtlich Arbeitskollegen, ein jüngerer und ein älterer, der das Gespräch größtenteils führte.
Es hat wohl in den letzten Tagen einige größere Brände in der Gegend gegeben (u.a. in Spechtsbrunn, einem Ort, durch den ich gestern gelaufen bin) und der eine Mann beschwerte sich, dass Thüringen keinen eigenen Löschhubschrauber besitzt und einen aus Niedersachsen ordern musste. In der Beschwerde war so eine Art Grundgefühl herauszuhören, nach dem Thüringen noch immer hinterher rennt und mit den reichen westlichen Nachbarn nicht mithalten kann.
Ich habe den beiden von meiner GG-Wanderung erzählt und der ältere Mann dachte zuerst, ich würde die ehemalige Grenze entlang laufen. Dann meinte er, das GG würde sich doch dauernd ändern und ich habe ihm entgegnet, dass das für die Grundrechte sicher nicht gilt. Die bleiben die gleichen. Als Beispiel habe ich auf die Würde des Menschen, die unantastbar ist, aus Art. 1 hingewiesen.
"Schön wär´s aber leider nicht immer wahr", lautete die Antwort. Sind in Thüringen noch immer  Teile der Bevölkerung in ihrer Würde verletzt? Das ist die Frage, die sich mir spontan stellte.




Nach der Mittagspause ging es schweigend weiter bis Blankenstein, dem Endpunkt des Rennsteigs, und ich kann nicht verhehlen, dort angekommen ein Gefühl der Erleichterung empfunden zu haben.
Dem Gefühl folgend habe ich am Endpunkt des Rennsteigs um 16.00 Uhr die zweite Rezitation (1x) des Tages gemacht.





Die Wanderung war damit für heute noch nicht vorbei, denn meine Unterkunft fand ich erst in Pottiga. Der Weg dorthin führte erst an der Saale, die hier Grenzfluss war und einer Schmalspurbahnlinie entlang
und dann über einen betonierten alten DDR-Weg auf die Höhe.
Auf dem Weg gab es ein nettes Gespräch mit drei Leuten, die vor ihrem Haus standen und mich ansprachen, was mich zugegebenermaßen nach den Erfahrungen der letzten Tage richtig überrascht hat. 






Fundstück:

Dem kann ich gerade zustimmen:

Montag, 13. August 2018

Der 36. Tag: 13. August 2018

Nach dem gestrigen Marathon (buchstäblich waren es ein paar Kilometer weniger, gefühlt nicht!) habe ich mir am Morgen etwas mehr Zeit gelassen als üblich und entspannt gefrühstückt. Dann habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Ort für eine Rezitation in Neuhaus gemacht, der gar nicht so einfach zu finden war. Es gibt keinen zentralen Marktplatz oder so. Ich habe mich für eine Stelle vor der örtlichen Tourist Info entschieden und dort fand
die erste Rezitation (2x) um 9.30 Uhr statt.


Neugierde habe ich bei den Menschen, die währenddessen an mir vorbei liefen, offenbar keine geweckt.


Der Rennsteig macht montags offenbar Ruhetag. An der ganzen Strecke bis Steinbach, wo ich die Nacht verbringe, gab es keinen einzigen Gasthof und keine Baude, wie die Hütten hier genannt werden, bei der ich etwas zu essen oder zu trinken bekommen hätte. Fündig wurde ich in Kleintettau, einem Ort, der im bayerischen Teil, etwas ab vom Rennsteig liegt. Nach Gründung der beiden deutschen Staaten gehörten kurioserweise die drei nördlichst gelegenen Häuser des Dorfes zum Territorium der DDR, aber die Stacheldrahtgrenze verlief wohl weiter hinten. So konnten die Bewohner ins Dorf und wieder zurück. Erst 1976 wurden die Häuser Teil der Bundesrepublik, die mit der DDR einen Landtausch aushandelte.
Ich muss zugeben, sehr erstaunt gewesen zu sein, schon heute wieder an die innerdeutsche Grenze zu kommen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich will die GG-Wanderung ja nicht zu einem Gedenklauf für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts werden lassen und bin deswegen mittlerweile sehr zurückhaltend mit Rezitationen an historisch auffälligen Orten. Darauf komme ich später noch einmal zurück.)
Doch die ehemalige Grenze an der Abzweigung zu dem bayerischen Dorf Kleintettau hat mich inspiriert, eine Rezitation zu machen - allerdings nur eine sozusagen halboffizielle. Ich habe nämlich wegen des Regens (!) die Infoplakate nicht ausgerollt. Es ist auch niemand vorbei gekommen...
Die Rezitation (1x) fand um 15.15 Uhr statt.




Während des Wanderns dachte ich heute, es wäre an der Zeit, mich neuerlich darauf zu besinnen, was ich hier eigentlich mache. Ich habe schon angedeutet, dass ich besonders auf dem Rennsteig nicht richtig in Kontakt mit Welt und Leuten komme. Ich spreche damit natürlich nur von mir und nicht von der Gegend oder gar von Thüringen. Doch die Irritationen, die ich spüre, machen es notwendig, nochmal zu rekapitulieren, was bei der Wanderperformance meine (selbst gestellte) Aufgabe ist und was nicht.

Ich will die Performance-Elemente Wandern, Rezitation, Verbindung mit der äußeren Situation (Welt, Menschen) und mit der inneren Situation (Erinnerungen, Gefühle, Stimmungen, Fragen etc.) so auf mich wirken lassen, dass dadurch Anregungen entstehen für die Frage nach meiner Beziehung zu den Grundrechten des GG und den stattfindenden Veränderungen in dieser Beziehung im Laufe der GG-Wanderung.
Historische Orte sind dabei eine wichtige Komponente, aber meine Aufgabe ist es nicht, das GG an diese Orte zu bringen, weil sie es irgendwie nötig hätten. Zwar habe ich das Gefühl, mit den Rezitationen eine Spur zu legen, aber auch nicht mehr als eine Spur.

Ein Beispiel von heute: Ein paar Kilometer hinter Neuhaus steht eine Gedenkstätte des Wintersportverbandes Thüringen. Das ist in meinen Augen eine ziemlich monströse Angelegenheit, die nach dem 1. Weltkrieg aufgetürmt wurde und den "heldenhaften" Sportlerkollegen gewidmet ist, die in dem Krieg ums Leben kamen.
Es gab in mir den Impuls, dem Geist, der aus diesem Denkmal spricht, mit einer Rezitation etwas entgegenzusetzen. Doch eine solche Rezitation wäre viel zu schwach gewesen, um den Steinen, die dort seit fast hundert Jahren stehen, Paroli zu bieten. Und das ist auch nicht meine Aufgabe. Allerdings kann ich diese Gedenkstätte nutzen, um mein Verhältnis zu den Grundrechten des GG weiter zu klären und zu vertiefen - und darüber hier im Blog zu schreiben.







 Auf den beiden steinernen Bänken links und rechts neben dem Obelisken sind zwei Sätze in Stein gehauen. Der eine heißt: "Wie sie starben, so wollen wir leben". Aus dem Geist des GG heraus muss man da rufen: Nein! Wir wollen ganz anders leben. Friedlich und gerade nicht mit dem Gefühl, im Krieg zu sein. Wir wollen mit den anderen Staaten gemeinsam eine friedliche Weltordnung anstreben, in der die Würde jedes Menschen gewahrt ist.

Der zweite Satz lautet: "Nichts ist zu teuer für das Vaterland". Und wieder: Nein, das stimmt nicht! Vieles ist zu teuer für das ominöse Vaterland und darf auf keinem Fall für diese Idee geopfert werden. Einiges davon ist in den ersten fünf Artikeln des GG formuliert. Das Vaterland ist eben kein Wert an sich, anders als die Menschenwürde, die Freiheit und das Leben jeder Person.
Solche Sätze würde heute niemand mehr auf eine Gedenkstätte schreiben, obwohl es wieder Leute gibt, die glauben, das Vaterland sei mehr als ein Begriff. Doch das ist ein Irrtum, gewissermaßen ein Denkfehler. Was es sein kann, ist eine Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte, doch die darauf erscheinenden Projektionen sind immer illusionär.

Bei meiner wandernden Selbstbesinnung habe ich mich auch gefragt, wieso mir so wenig spontan offene Reaktionen auf meine Rezitationen begegnen (obwohl es auch die gibt!). Ich vermute im Moment, dass ich durch die intensive Beschäftigung mit den 20 Artikeln des GG ein wenig das Gefühl dafür verloren habe, wie ungewöhnlich meine Aktion tatsächlich ist. Nicht originell oder besonders, sondern einfach sehr weit außerhalb des gewohnten. Den meisten Leuten muss es einfach schwer fallen, konstruktiv auf das zu reagieren, was ich ihnen anbiete.


Nach der zweiten Rezitation bin ich noch gut zweieinhalb Stunden weiter gewandert und sitze jetzt in Steinbach am Wald, das in Bayern liegt, in einem sehr großen Pensionszimmer mit drei Betten, von denen ich mir gleich eines aussuchen kann.

Fundstück:


Sonntag, 12. August 2018

Der 35. Tag: 12. August 2018

Beim Frühstück in Neustadt am Rennsteig liefen im unvermeidlichen Radio die Puhdys: "Wenn ein Mensch...."  ein Anflug von Ostalgie.
Heute Morgen fühlte ich mich etwas ambitionierter als in den vergangenen Tagen und schon nach ein paar Kilometern Wanderung habe ich mich entschieden, wieder einen Abstecher zu machen, der mich in Richtung des Dorfes Gießübel führen sollte.


Auf dem Weg lag eine Gedenkstätte für die Gefallenen der Weltkriege und ich dachte, das könnte trotz all meiner Zurückhaltung mit historischem Gedenken ein Ort für eine Rezitation sein. Doch die Gedenkstätte war denkbar ungeeignet. Kein Hinweis auf Hoffnung, Wunsch oder Erwartung einer friedlichen Zukunft. Nur in Stein gehauene "Helden"-Verehrung. Dort habe ich keine Rezitation gemacht.



Beim Aufstieg zurück aus dem Tal bin ich durch die Gießübeler Schweiz gewandert. Das ist natürlich keine polititische Bezeichnung, doch ich dachte, hier zeigt sich eine gute Gelegenheit mit einer Rezitation einen Gruß an meine Freunde und UnterstützerInnen der GG-Wanderung aus der echten Schweiz zu schicken.
Zwischen der Schweizer Verfassung und dem deutschen Grundgesetz gibt es ein paar sehr interessante Unterschiede. Die aktuelle schweizer Verfassung stammt aus dem Jahr 1999 und wird anders als das deutsche Pendant in relativ kurzen zeitlichen Abständen immer mal wieder revidiert. Dahinter steht ein Verständnis der Verfassung, das auf einem ganz anderen Verhältnis zwischen Demokratie und Verfassung gründet, als es in Deutschland der Fall ist. In der Schweiz haben die demokratischen Elemente ein höheres Gewicht und können auch in verfassungsrechtlichen Fragen relativ einfach Veränderungen hervorrufen. Wahlen und insbesondere Abstimmungen über die verschiedensten Belange der Bürger bilden den Kern des schweizerischen Staats- und Demokratieverständnisses. Und dieses Verständnis gründet auf einer sehr langen demokratischen Tradition, die zu einem Garanten der staatlichen Stabilität geworden ist.
Anders in Deutschland. Hier wird die Stabilität viel mehr über das Grundgesetz und über das Verfassungsgericht gesichert als über demokratische Verfahren. Man könnte sagen, die Mischung aus Demokratie und Republik ist eine andere. Und auch hier gibt es dafür gute historische Gründe.
Was passiert, wenn ein Land keine starke demokratische Tradition besitzt und trotzdem Wahlen und Abstimmungen auf Kosten der Gewaltenteilung und Verfassungsgericht ins Zentrum stellt, kann man in einigen osteuropäischen Ländern gerade beobachten. Die Rechte des einzelnen (die in Deutschland in den Grundrechten des GG garantiert sind) werden dann schnell für eine Diktatur der Mehrheit eingeschränkt oder gar aufgegeben.
Glücklich ein Land wie die Schweiz, das sich auf seine demokratischen Strukturen so verlassen kann.


Die erste Rezitation (1x) des Tages fand um 12.00 Uhr oberhalb eines Nadelöhr genannten Felsens in der Gießübeler Schweiz statt. 

Während ich mich darauf vorbereitete, meine Plakate ausrollte und die Fotos machte, kam eine vierköpfige Familie an den Platz, zuerst ohne viel Notiz von dem zu nehmen, was ich da mache. Schließlich beugte sich der Sohn über das Plakat und ich habe ihm kurz erzählt, worum es geht. Als ich mit der Rezitation begann, haben sich die vier in sicheren Abstand begeben, Mann und Sohn liefen herum, Mutter und Tochter saßen am Nadelöhr und besonders die Mutter schien mir zuzuhören. Dann ging die ganze Familie an mir vorbei weiter und die noch recht junge Mutter, die als letzte kam, winkte mir lächelnd zu. Das habe ich als Ermutigung verstanden.

Kurz danach bin ich wieder auf dem Rennsteig gelandet und gewandert, ohne dass es zu erwähnenswerten Begebenheiten gekommen wäre. Erst am späteren Nachmittag bin ich an einem Platz vorbeigekommen, bei dessen Symbolik ich mich nicht zurückhalten konnte und noch eine Rezitation gemacht habe. Wieder spielte ein Stein eine Rolle, aber diesmal war es kein Dreiherrenstein und auch kein quasi-schweizer Fels, sondern der Dreistromstein (gar nicht so einfach auszusprechen), der eine dreifache Wasserscheide markiert. Das ist offenbar einzigartig in Deutschland. Auf dieser Anhöhe scheiden sich die Bäche in drei Richtungen und fließen über Umwege und andere Flüsse am Ende in die Weser, in die Elbe und - kaum zu glauben - in den Rhein.


Diesen Stein umrundend habe ich um 16.00 Uhr eine Rezitation (1x) gemacht.

Drei Frauen liefen währenddesen an mir und dem Stein vorbei und die Irritation in ihren Blicken hatte keine Auswirkung auf ihr Verhalten. Sie gingen einfach weiter.







Danach ging es weiter nach Limbach und eigentlich hätte ich dort schon eine Unterkunft finden wollen, doch die Suche dauerte sehr viel länger als mir lieb sein konnte. Abends um ca. 20.00 Uhr fand ich dann endlich ein Zimmer in Neuhaus am Rennweg (nach einem Umweg über Steinheid, wo es einen Gasthof geben sollte, der aber nicht mehr existierte) und fand ein kleines Zimmer. Es war wohl das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einem Hotel übernachtet habe, in dem es für mich (als Gast) weder irgendetwas zu essen noch zu trinken gab. Das Hotelteam hat auswärts gefeiert, an der Rezeption stand ein sehr junger Mann, der mir das Zimmer geben konnte, statt Essen und Trinken aber nur einen Kräuterschnaps als Willkommenstrunk anzubieten hatte. Er meinte, in der Minibar gäbe es bestimmt noch was anderes zu trinken, aber das stellte sich als in jeder Hinsicht leere Versprechung heraus, denn es gab keine Minibar. Irgendwie schaffte es der junge Mann, mir ein Bier zu zapfen und ich habe mein Notfallrationskäsebrot zu mir genommen. Natürlich war die Übernachtung mit die teuerste auf dieser Wanderung....  Bezug zum GG? Keiner.

Fundstück:

(auf einer Infotafel in der Gießübeler Schweiz): is klar, oder:



Samstag, 11. August 2018

Der 34. Tag: 11. August 2018

Am Morgen bin ich mit der netten Frühstücksdame im Hotel in Oberhof ins Gespräch gekommen.Sie erzählte mir von den Schwierigkeiten, dort abends ein Restaurant zu finden, wo es noch was zu essen gibt. Viele Gaststätten haben entweder ganz geschlossen oder nur noch bis 18 Uhr geöffnet. (Der Gasthof, in dem ich war, hatte bis 20.00 Uhr die Küche offen.) Der Grund dafür ist der Mangel an Leuten, die in der Gastronomie arbeiten wollen. Es fehlt an Köchen, Bedienungen, Hotelkräften. Das ist offenbar nicht nur in Oberhof ein Problem, denn ich habe in fast allen Gasthöfen, an denen ich bislang auf dem Rennsteig vorbeigekommen bin, Zettel gesehen, auf denen nach Hilfskräften gesucht wurde.
Zumindest eine Teillösung liegt mehr oder weniger auf der Hand. Es gibt bestimmt genug junge Leute in der Gruppe derer, die man pauschal "Flüchtlinge" oder "Migranten" nennt, denen auch ein Job in Oberhof bei entsprechender Ausbildung und Unterstützung wie eine willkommene Chance erscheinen würde. Und manche würden sich vielleicht gar nicht so weit entfernt von ihrer Heimat fühlen. In Oberhof gibt es nämlich einen zentralen Platz, auf dessen Mitte ein großer Baum steht. Sonst ist da eigentlich nichts und mich erinnert der Ort daran, wie ich mir im südlichen Afrika die Bäume vorstelle, unter deren Schatten sich die Menschen treffen, wenn es in der Sonne zu heiß ist. Ich gebe zu, die Assoziationen könnten mit mir durchgegangen sein, wahrscheinlich wegen des ungewöhnlich heißen Wetters.
Jedenfalls habe ich direkt unter dem Baum um 9.00 Uhr meine erste Rezitation (1x) des Tages gemacht.
Die Reaktionen lassen sich leicht zusammenfassen. Alle, die den Platz während der Rezitation überquerten, haben einen großen Bogen um mich gemacht, was bei den Ausmaßen des Platzes kein Problem darstellte.

Der ganze Tag erwies sich als schwierig. Ich hatte dauernd das Gefühl zu kämpfen, mit mir und meiner inneren Situation, mit der äußeren Situation, in die ich mich ganz freiwillig bugsiert habe und mit der Gegend, durch die ich wandere.
Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bislang auf dem Rennsteig wohlfühle. (Das ist übrigens wie alles andere eine Aussage über mich, nicht über den Rennsteig.) Ich verspüre wenig Lust, irgendwo länger zu verweilen, und die Länge der Etappen, die so gut wie alles in den Schatten stellt, was ich vorher auf der GG-Wanderung an einem Tag zurückgelegt habe, ist auch ein Indiz dafür, dass ich hier am liebsten schnell durch sein will. Aber warum? Die Gegend ist ja ganz reizvoll, doch auf mich wirkt sie seltsam leer, ohne dass ich genau wüsste, was ich damit meine. Leerheit ist davon abgesehen ja ein Zustand, der in vielen geistig-religiösen Traditionen weltweit angestrebt wird. Aber die Leerheit von der ich hier spreche, meint wohl eher den Mangel an Anknüpfungspunkten für meine Grundgesetzwanderung. Sowohl an Orten als auch an Menschen, die damit etwas anfangen könnten, herrscht nicht gerade ein Überangebot - oder ich nehme es nicht wahr....

Der innere Drang, schnell über den Renn-(!)-Steig zu wandern, hat mich nicht davon abgehalten, einen Abstecher zum Schneekopf zu machen. Das ist der höchste Berg, auf den ich in Thüringen kommen werden. (Später stellte sich heraus, dass ich noch paar Meter höher war, aber ohne es gewürdigt zu haben.) Mit 978 Metern kratzt er an der Tausendermarke.

Der Gewohnheit folgend, an den hohen Aussichtspunkten eine Rezitation zu machen, habe ich um 12.00 Uhr auf dem Gipfel des Schneekopfs (der eine tolle Ausssicht bietet) die zweite Rezitation (2x) des Tages durchgeführt.

Die damit verbundene Erfahrung gehört zu dem, was ich vorhin "kämpfen" genannt habe.

Da oben laufen relativ viele Leute herum, aber niemand hat auch nur einen Blick auf mein Infoplakat geworfen, geschweige denn mir zugehört. Für mich fühlte es sich so an, also ob es eine kollektive Absprache gäbe, mich bewusst zu ignorieren. Das hat in mir eine gewisse Kampfeslust hervorgerufen und ich habe die Rezitation ein zweites Mal gemacht.




Das Schöne am Wandern und besonders am alleine Wandern ist vielleicht, dass man viel Zeit hat, mit sich, seinen Gedanken und der inneren Situation in Kontakt zu treten (im wahrsten Sinne!). Durch das kontinuierliche Laufen durch Wald und über Feld können tiefere Schichten des eigenen Geistes aktiviert werden, die im alltäglichen Hin und Her normalerweise verdeckt bleiben. Alles, was einen gerade beschäftigt, wird plötzlich innerlich in Verbindung gebracht mit alten Erinnerungen, die das gleiche Thema betreffen und die lange vor sich hingeschlummert haben. Das ist mir heute passiert.
Die aktuelle Erfahrung von Abweisung und Ignoranz hat die Türen geöffnet zu ein paar alten Erinnerungen, die mit ganz ähnlichen Erfahrungen verbunden sind.
Das war nicht unbedingt angenehm, aber mir ist dadurch klarer geworden, aus welcher inneren Motivation heraus ich das Projekt der GG-Wanderung angegangen bin. Die Themen Sicherheit und Anerkennung spielen hier eine Rolle.
Das GG bzw. die Grundrechte fungieren in meinem inneren System als eine Art sicherer Boden, der lange selbstverständlich zu sein schien und mir den Rahmen und die Freiheit mit ermöglicht haben, die ich für mein Leben benötige. Da gab es ein Gefühl der Sicherheit oder anders gesagt, mein Sicherheitsbedürfnis wurde durch das GG wenn nicht gestillt, so doch beruhigt, ohne dass ich mich darum hätte kümmern müssen.
Doch plötzlich befinde ich mich zum ersten Mal in meiner Lebenszeit in einer Situation, in der die fundamentale Bedeutung des GG nicht mehr von allen gesellschaftlich und politisch relevanten Kräften akzeptiert und gewollt ist. Das GG wird in Frage gestellt und attackiert. Für die Generationen, die den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt haben, sind diese Attacken ein guter Anlass, sich bewusst mit dem GG zu beschäftigen ud es sich auf eigene Weise anzueignen. Das jedenfalls versuche ich mit der GG-Wanderung.

In Neustadt am Rennsteig habe ich ein Zimmer gefunden. (Dort gab es Gemüse - wenn auch nur in Schnitzelform - zu essen!!)

Fundstück:

Das habe ich zwar erst einige Tage später gesehen, aber es passt gerade so schön:


Freitag, 10. August 2018

Der 33. Tag: 10. August 2018

Eine lange Wanderung habe ich heute hinter mich gebracht, aber es war kühler als an den Tagen davor und deshalb nicht so anstrengend.
Doch habe ich mich auf meiner Wanderung selten so entfernt vom GG gefühlt wie heute. Beim Gehen habe ich für mich ab und zu rezitiert, aber ich kann nicht behaupten, dass mir irgendwelche erwähnenswerte Gedanken zum GG gekommen wären.
Auch die erhofften äußeren Impulse blieben weitgehend aus. Die erste Hoffnung lag auf der Ebertwiese, doch der Name hatte nichts zu tun mit dem sozialdemokratischen Kanzler der Weimarer Republik (sondern mit einem Abt Eberhard, der die Wiese vor langer Zeit roden ließ).

Auch Erichs Ruh hielt nicht, was ich mir davon versprochen hatte. Der Gedenkort hatte nichts mit Erich - "Ich liebe Euch doch alle" - Mielke oder seinem Namensvetter und Chef Honecker zu tun, sondern mit einem Förster hier im Wald.

Irgendwann später gab es noch einen Hinweis auf Meister Eckhart, der hier irgendwo in der Gegend geboren wurde. Eckhart steht zwar in meinem philosophischen Heiligenkalender, aber die Verbindung zum GG ist dann doch zu dünn. Allenfalls als Pionier der Demokratisierung des Denkens könnte er erwähnt werden. Seine Predigten waren so originell, dass seine Zuhörer gar nicht anders konnten als mit - und nachzudenken statt nur brav nickend zuzustimmen.

Das einzig im Zusammenhang von GG und Politik Erwähnenswerte auf der Etappe waren die unzähligen Grenzsteine, die den Rennsteig hier säumen.

 Der älteste, den ich gesehen habe, stammt von 1680, die meisten sind aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Grob gesagt gab es in der Gegend drei verschiedene Staaten, die sich voneinander abgrenzen wollten: Hessen, Sachsen bzw. Sachsen-Gotha und Preußen. Alle haben ihre Steine an den Weg gesetzt, manchmal an die selbe Stelle oder die jeweiligen Wappen und Zeichen werden direkt auf denselben Stein gemeißelt. Die Orte werden  Dreiherrensteine genannt.

Innerdeutsche Grenzen, die sich über die Jahrhunderte immer wieder verschieben. Aus dem 20. Jahrhundert findet man hier keine Grenzsteine. Da verlief die innerdeutsche Grenze anders - und schnitt den Rennsteig an beiden Enden ab: in Richtung Hessen und in Richtung Bayern.
Grenzsteine sind sehr viel sympathischer als Grenzanlagen. Steine zeigen an, welches Territorium man verlässt bzw. betritt, aber sie hindern einen nicht daran, in die ein oder andere Richtung zu gehen. Grenzsteine, wie sie am Rennsteig stehen, schränken (und schränkten prinzipiell) die Geltung von Art. 11 nicht ein: " Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet". Jedenfalls nicht physisch, auch wenn die Gesetze anderes gesagt haben mögen.

Deshalb habe ich mich entschieden, eine Rezitation an einem solchen Grenzstein zu machen. Die Frage war nur noch, ob sie an einem der Dreiherrensteine oder an einem sogenannten Grenzadler stattfinden sollte. Die Grenzadler waren die etwas überdimensionierten Steine, die die Preußen nach 1866 hier aufstellten und auf denen ein Adler prangt.
Meine Entscheidung für einen Dreiherrenstein muss man nicht unbedingt als Votum gegen Preußen auffassen, aber der Dreiherrenstein, den ich mir ausgesucht hatte, ist zugleich ein Gedenkstein für den Thüringer Schriftsteller Gustav Freytag, und Schriftsteller waren im 19. Jahrhundert in der Regel friedliebendere Zeitgenossen als preußische Grenzsteinaufsteller.
Die Rezitation (1x) fand um 16.10 Uhr statt.


Auf den Wegschildern des Rennsteigs tauchte irgendwann das Skisportzentrum Oberhof auf, in dem es auch Übernachtungsmöglichkeiten geben würde. Ich stellte mir darunter so ein Sporthotel am Hang gelegen vor und ging davon aus, dort leicht ein Zimmer zu finden. Heilige Einfalt. Das Skisportzentrum ist ein riesiges, geradezu monströses Areal.

Es kündigte sich schon auf dem Rennsteig damit an, dass der Weg von alsphaltierten Strecken gekreuzt wurde, auf denen ab und zu Leute mit Sommerskirollen vorbeibrausten.

Ich bin schnell weitergewandert und in den Ort Oberhof gelangt, der offenkundig in erster Linie von und für den Wintersport existiert. Sport ist in den Grundrechten des GG nicht erwähnt und ich muss gestehen, dass ich (persönlich) darin kein Manko des GG erkennen kann...

Untergekommen bin ich in einem Gasthof mit thüringisch-schweizer Flair.


Fundstück:

Donnerstag, 9. August 2018

Der 32. Tag: 9. August 2018

Nach einem etwas unangenehmen Frühstück in dem Café in Ruhla, wo ich die Nacht verbracht habe (ich komme später darauf zurück), bin ich auf einem anderen Weg als gestern hoch auf den Rennsteig gelaufen...na ja, gekrochen wäre der passende Ausdruck.
 Dabei kam ich an einer alten, originalen Bauhaus-Siedlung vorbei, die die Jahrzehnte überstanden hat, ohne formal gealtert zu sein. Das Drumherum sah allerdings nicht so aus, als ob sich die Bewohner sehr um ihre Wohnstatt kümmern würden. Gute Architektur alleine macht es noch nicht....

Nach knapp zwei Stunden Wanderns bin ich zur Schillerbuche gelangt. Da konnte ich natürlich nicht acht- und rezitationslos dran vorbeigehen.
Schiller hat für die Grundrechte des GG starke Vorarbeiten geleistet: Alle Menschen werden Brüder/Geschwister - zumindest wenn sie sich einst entschließen, die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts zu durchlaufen.
Die ursprüngliche Schillerbuche bekam 1905 ihren Namen. Zu der Zeit stand sie schon ungefähr 150 Jahre an der Stelle. Schiller und Buche haben also mehr oder weniger zeitgleich das Licht der Welt erblickt.

Von dieser Buche ist heute nicht mehr viel übrig, darum wurde im Jahr 2006 daneben eine neue Buche gepflanzt, die gesund und kräftig aussieht.

Sollte sich hier eine Schiller- Renaissance ankündigen?
Mit dem Rücken zur alten und dem Blick zur neuen Buche habe ich um 10.10 Uhr die erste Rezitation (1x) des Tages gemacht.













Nicht ganz unpassend hat just in dem Moment, als ich loslegte, auf der anderen Straßenseite ein Lastwagen, der Lebensmittel für einen Imbiss ablieferte, seinen Kühlungsmotor gestartet und bis nach dem Ende der Rezitation laufen lassen. Schiller und das GG müssen sich gegen den Alltagslärm behaupten; nicht selten gehen sie darin unter.


Nach der Rezitation bin ich unverdrossen weiter gewandert. Ich hatte darauf gehofft, an einem nicht mehr fernen Gasthaus am Rennsteig-Wegesrand einen Kaffee und Wasser für meine Trinkflaschen zu bekommen. Das Haus war geschlossen. Kurz blitzte Hoffnung auf, dass ich wenigstens die Flaschen auffüllen könnte, als ich einen Wasserhahn entdeckte, doch nur um festzustellen, dass das Wasser abgestellt war.
Doch nach etwa drei Kilometern tat sich eine viel bessere Gelegenheit auf. Etwas ab vom Weg befand sich eine Bergquelle, die zwar den wenig vertrauenserweckenden Namen Schierlingsborn trägt, das Wasser schmeckte aber vorzüglich und hatte bislang keine negativen Auswirkungen.







Am späten Mittag bin ich auf dem Großen Inselsberg angekommen, der mit 916 Metern höchsten Erhebung meiner bisherigen GG-Wanderung. Allein aus diesem Grund habe ich dort um 13.20 Uhr die zweite Rezitation (2x) des Tages gemacht.


Die Reaktion der Leute, die an mir vorbei liefen, um zum Aussichtsturm zu gelangen, blieb im Rahmen des üblichen. Ein paar Menschen warfen einen Blick auf das Infoplakat und gingen dann weiter, die anderen ließen mich sozusagen links liegen und nur eine ältere Dame warf mir einen ziemlich bösen Blick zu.

Nach einer Stärkung auf der Terrasse des Berggasthofs habe ich telefonisch erfolglos versucht, ein Zimmer in der Unterkunft zu ergattern, die ich mir am Morgen ausgesucht hatte. Stattdessen bin ich am Fuße des Inselbergs untergekommen. Immerhin konnte ich vermeiden, wie gestern lange zimmersuchend durch die Gegend laufen zu müssen. Ich/das Grundgesetz scheinen nicht so einfach Herberge zu finden auf dem Rennsteig. Der Gasthof entsprach wieder sehr meinem Geschmack, weil er etwas aus der Zeit gefallen schien. Altes Mobiliar, zu dem die beiden Besitzer wunderbar passten.

Als Rheinländer benötigt man etwas Zeit, um die Art des Umgangs, der im Thüringer Wald gepflegt wird, richtig einzuschätzen. Für unsereins liegt es nahe, den kratzbürstigen und schroffen Grundton, der hier herrscht, als Unfreundlichkeit zu verstehen. Das ist aber meistens gar nicht so gemeint. Die Unfreundlichkeit äußert sich, wenn sie auftaucht, eher in der Verweigerung einer normalen Kommunikation. Ein Beispiel, mit dem ich auf mein Frühstück von heute Morgen zurückkomme: Als ich das Café betrat, saßen da vier Leute an einem Tisch. Sonst war niemand zu sehen. Niemand grüßte und ich stand eine Weile ratlos herum, bis eine Frau vom Tisch zu mir sagte: "Sie können sich da hinten hinsetzen". Kein: "Guten Morgen!", kein "Haben Sie gut geschlafen?" oder gar "Ich bin bin die Chefin des Hauses und habe schon gehört, dass Sie gestern Abend noch bei uns untergekommen sind."
Höflichkeit ist kein explizites Thema in den Grundrechten des GG. Aber hier wird die Frage tangiert, ob man in Deutschland neben dem Grundgesetz eine "Leitkultur" formulieren sollte. Mit meinem kleinen Beispiel wird angedeutet, wie schwierig das würde. Die rheinländische "Leitkultur" sähe nämlich ganz anders aus als die thüringische, u.a. weil beide Regionen verschiedene Formen von Freundlichkeit und Unfreundlichkeit kennen und praktizieren.
Und wenn ich an meine Freunde und Bekannte denke, die aus Ländern stammen, deren Landsleute sich vermeintlich so schwer tun, sich "bei uns" zu integrieren, glaube ich, wir könnten uns von "deren" Höflichkeitskultur einiges abschneiden bzw. zu eigen machen. Natürlich gibt es auch von dort stammende weniger höfliche Menschen und das zeigt, dass die Trennlinie zwischen "leitkultivierten" Leuten und denen, die Integrationsmaßnahmen benötigen, nicht national gezogen werden kann.

Fundstücke:


...und für 1914/18 und 1939/45 muss man heute hinzufügen und froh sein, dass diese Zeiten (und diese Form von Unhöflichkeit) hoffentlich für immer vorbei sind.

....dagegen setze ich gerne diesen Anflug von ungefährlicher Nostalgie....

Mittwoch, 8. August 2018

Der 31. Tag: 8. August 2018

Es war wieder ein sehr langer und heißer Tag, der mich von Creuzburg an der Werra entlang nach Hörschel führte, wo ich auf den Rennsteig gelangt bin, auf dem ich in den kommenden Tagen durch den Thüringer Wald wandern werde. Ich hatte erwartet, dass es am Startpunkt des Rennsteigs ein großes Wanderzentrum gibt, in dem man Karten, Wanderführer usw. kaufen und vielleicht seine Wasserflasche auffüllen kann. Das sehr kleine Gebäude, wo es Infos hätte geben können, war geschlossen und mit Mühe habe ich in einem Gasthof, der auch noch geschlossen war, meine Wasservorräte auffrischen können.

Der erste Teil des Rennsteigs führt in großem Bogen um Eisenach und um die Wartburg herum. An einigen Stellen gibt es Aussichtspunkte auf die Burg und an einer davon habe ich um 11.40 Uhr die Rezitation des heutigen Tages gemacht.





Die Wartburg gehört zu den großen symbolgeladenen Orten der Reformation. Luther hat dort bekanntlich seine Bibelübersetzung verfasst (und dem Teufel eins mit dem Tintenfass aufs Auge gegeben).
Mir fallen zwei Aspekte ein, die man mit dem GG in Verbindung setzen kann.
Durch die Reformation hat die Idee der individuellen Freiheit des Menschen einen entscheidenden Schub erhalten. Zwar hat die Entwicklung bereits mit der (italienischen) Renaissance begonnen, doch erst mit Luther wurde sie sozusagen demokratisiert. Nicht nur der schöpferische Mensch gewinnt bei Luther an Bedeutung und Würde, sondern jeder Mensch hat jetzt die Chance und die Pflicht, Selbstverantwortung für das eigene Leben und Denken zu entwickeln.
Dafür war es zweitens wichtig, dass die Schrift und die Schriften im Prinzip allen zur Verfügung stehen. Luthers Bibelübersetzung auf der Wartburg war dafür der entscheidende Anstoß.
Die Bibel lesen zu können blieb nicht länger das Privileg einer kleinen Bildungselite. Jetzt konnte sich im Prinzip jede und jeder ein eigenes Bild von der Heiligen Schrift machen. Damit änderten sich Bedeutung, Wirkung und Interpretation der Bibel eklatant.

Nur durch die Entstehung des protestantischen Bibelverständnisses ist es (mir) heute möglich, sinnvoll die (bestreitbare) These in den Raum zu stellen, dass das Grundgesetz ähnlich wie ein heiliger Text funktioniert. Die Grundrechtsartikel sind für die Bürger ein feststehender unveränderlicher Text, und zugleich hat jede/jeder das Recht, sich diesen Text anzueignen und eine persönliche adäquate Lesart zu finden. Dafür bietet das GG einen gewissen Spielraum, der aber nicht beliebig groß ist. Das ist bei der Bibel ähnlich.
Anders gesagt: Die Reformation hat inhaltlich einige entscheidende Vorarbeiten für das GG geleistet und auf der formalen Ebene hat sie die Möglichkeit eröffnet, einen Text zugleich demokratisch und transzendent zu verstehen - zugleich als von allen geteilte ideelle Grundlage der Gemeinschaft, den jeder lesen kann, und als Text, der über den einzelnen steht in dem Sinne, dass er für alle Geltung beansprucht. So wurde es möglich, ein Staatswesen auf einen Text zu gründen, statt auf eine Struktur, die von Herrschenden vorgegeben wird.
Der entscheidende und bleibende Unterschied zwischen einem heiligen Text und dem GG besteht darin, dass sich die deutschen Staatsbürger das Grundgesetz selbst gegeben haben - wie es in der Präambel der GG heißt - und ein heiliger Text in der Regel von einer höheren Instanz gegeben wird. 

Ansonsten bin ich heute sehr lange durch die Hitze gewandert. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich wieder einmal schwieriger als ich dachte. Am Rennsteig gab es auf der heutigen Etappe nur einen Gasthof mit Zimmervermietung. Das Haus war aber voll belegt und ich musste am Ende noch den Abstieg in den Ort Ruhla machen, wo ich in einer Pension, die an eine Bäckerei angegliedert ist, untergekommen bin.

Fundstücke:
 


...angekommen nach langer Wanderung:



Dienstag, 7. August 2018

Der 30. Tag: 7. August 2018

Heute war hitzefrei. Bei Temperaturen um die 34 Grad und nach dem Gewaltmarsch gestern habe ich mir einen wanderfreien Tag gegönnt.
Beim Frühstück noch in Treffurt bei einem Bäcker habe ich die Thüringische Allgemeine gelesen. In der Sommerlochdiskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder eines sozialen Pflichtjahres, das auch für Frauen gelten würde, spielt die Frage eine Rolle, ob ein soziales Pflichtjahr verfassungsrechtlich zulässig wäre. Nach Art. 12 Abs. 2 GG darf niemand zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, "außer im Rahmen einer herkömmlichen, allgemeinen, für alle gleichen, öffentlichen Dienstleistungspflicht". Darunter würde ein soziales Pflichtjahr sicher nicht fallen. In den ersten 19. Artikeln des GG sind die Grundrechte und nicht die möglichen Bürgerpflichten aufgelistet. Dass es solche gibt, weil es eine bürgerliche Verantwortung für das Gemeinwesen gibt, liegt einerseits auf der Hand und ist andererseits nur schwer in eine freiheitliche Verfassung zu integrieren.

Mit dem Bus bin ich von Treffurt nach Creuzburg gefahren. Damit befinde ich mich wieder auf dem Wanderweg der deutschen Einheit, auf dem es morgen in Richtung Rennsteig gehen wird.
Bei meinem Besuch des Museums auf der Creuzburg gab es ein paar interessante Informationen. Der Komponist Michael Prätorius und die heilige Elisabeth werfen dabei für das GG nicht viel ab. Der heilige Bonifatius war hier (724) und hat zwar nicht noch eine Eiche gefällt (wie in Fritzlar, siehe 24. Tag der Wanderung!), aber ein Holzkreuz soll er errichtet haben.

Im 17. und 18. Jahrhundert war Creuzburg offenbar eine Hochburg für Hexenprozesse. Ohne zynisch sein zu wollen, waren mit diesem traurigen Kapitel der europäischen Geschichte die Anfänge eines schriftlich fixierten Strafrechts verbunden. Mit der allerdings zunächst eine völlig pervertierte Rechtsidee festgeschrieben wurde. (Man muss ja immer wieder betonen, dass die Hexenverfolgung kein Phänomen des sogenannten dunklen Mittelalters darstellte, sondern erst mit dem Einstieg ins (männlich) rationale Zeitalter der frühen Neuzeit zu einer gesellschaftsbestimmenden Kraft wurde.)
Neben der Creuzburg hat der gleichnamige Ort noch ein paar andere kulturhistorisch bemerkenswerte Bauwerke aufzuweisen. Dazu zählen die steinerne Brücke über die Werra, die der Stadt nicht nur Segen, sondern viel Kriegsleid beschert hat. Und die direkt daneben stehende Liboriuskapelle, die 1499 erbaut wurde. Am Übergang zwischen Brücke und Kapelle habe ich um 18 Uhr eine Rezitation gemacht.


Als ich von dort zu meiner Unterkunft kam, stellte sich heraus, dass in der Pension mit mir ein Bautrupp, der aus vier Türken besteht, die aus Duisburg stammen, wohnt. Das war eine Überraschung. Beim Abendessen bin ich mit ihnen ins Gespräch gekommen und anscheinend fahren die vier durch ganz Deutschland zu Baustellen. Wir haben uns über regionale Mentalitätsunterschiede in Deutschland ausgetauscht (wobei Köln ziemlich gut wegkam) und ich habe erzählt, was ich hier mache, ohne auf eine direkte Reaktion zu stoßen. Der Bautrupp lernt Deutschland jedenfalls anders kennen als ich. Einem der Arbeiter war aufgefallen, dass es in Ostdeutschland so wenig Industrie gibt, "überall Wald", was sich nicht zuletzt auf Thüringen bezogen hat, wohin ich mich morgen aufmachen werde.

Fundstück: