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Dienstag, 9. Juli 2019

Das Interview in der Frankfurter Rundschau

Am 8. Juli 2019 ist in der Frankfurter Rundschau ein Interview mit mir erschienen, in dem es unter dem Thema Grenzerfahrungen um meine Grundgesetzwanderung geht.

Den Text des Interviews können Sie/kannst du unter dem folgenden Link finden:

 FR.de/zumir

Es handelt sich um einen pdf-Link, d.h. man landet nicht auf der Website der FR.

Falls es damit irgendwelche Schwierigkeiten gibt, schicke ich das pdf auch gerne per E-Mail zu.

Ich freue mich auf Kommentare zu dem Interview!



Sie können  das Interview auch hier lesen, allerdings ohne die ganz schöne grafische Aufarbeitung des Zeitungsartikels. Die Fragen stellte der FR-Redakteur Stephan Hebel:



Herr Peters, Sie haben sich für den „Wanderweg zur deutschen Einheit“ entschieden. War die Überwindung der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren Ihr wichtigstes Thema?
Nein. Als ich die ehemalige Grenze während der Wanderung zum ersten Mal übertreten habe, habe ich es gar nicht gemerkt. In meiner Erfahrung war diese Grenze viel weniger wichtig, als ich gedacht hätte.
Inwiefern?
Die Art und Weise, in der die Leute auf mich und meine Wanderung reagiert haben, war sowohl im Westen als auch im Osten gleich verteilt. Ich habe auf beiden Seiten alle Spielarten von Reaktionen erfahren.
Unterscheiden sich diese Reaktionen entlang anderer Grenzen – landsmannschaftlich, sozial, geschlechtlich?
Schwierige Frage. Wahrscheinlich habe ich mehr Frauen als Männer getroffen, die neugierig reagiert haben. Wahrscheinlich haben Frauen einfach mehr Mut, sind auch neugieriger.  Manchmal ist eine Frau bei meiner Rezitation stehengeblieben, während der Mann schon weitergegangen war und „Jetzt komm schon“ rief.
In Ihrem Blog sprechen Sie von regionalen Unterschieden im Sozialverhalten. Was meinen Sie damit?
Zum ersten Mal habe ich das ganz deutlich in Thüringen gemerkt. Dort gibt es doch sehr viel Zurückhaltung, wenn es um Menschen geht, die normalerweise nicht dort sind. Zumindest nach meiner Erfahrung ist das so. Ich kenne es allerdings auch aus der Eifel. Ich glaube, das hat mit bestimmten Landschaften zu tun. Im Rheinland, wo ich schon seit über 30 Jahren lebe, ist es viel leichter, Kontakt aufzunehmen. Ich bin dann von Thüringen durch Oberfranken ins Erzgebirge gelaufen, und auch dort war es wieder viel leichter.
Was hat das mit der Landschaft zu tun?
Meine erste Vermutung war, dass die Menschen in sehr ländlichen  Gebieten eher zurückhaltend sind. Aber so ein Gebiet ist das Erzgebirge auch, und die Menschen waren da so offen, wie ich es niemals vermutet hätte. Das könnte damit zu tun haben, dass es im Erzgebirge, wie der Name ja schon sagt, früher Bergbau gab. Vielleicht ist daraus eine andere Form von Kontakt zu Menschen entstanden, die zum Arbeiten in die Gegend kamen.
A propos Kontakt: Lassen Sie uns über die Grenze zwischen Ihnen und Ihren potenziellen Zuhörern reden. Hatten Sie das Gefühl, sie überwinden zu können, wenn Sie sich auf einen Marktplatz stellten und die Grundrechte rezitierten? Und war das überhaupt Ihr Ziel?
Nicht das Hauptziel, ich war nicht als Missionar in Sachen Grundgesetz unterwegs. Aber es ging mir schon auch darum, über die Rezitation in Kontakt mit Menschen zu kommen, zumindest die Grenze zwischen ihnen und mir etwas durchlässiger zu machen.
Ist das gelungen?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe bei der Rezitation immer zwei Plakate ausgelegt, auf denen kurz beschrieben war, was ich da mache. In den ersten Tagen hatte ich die relativ nah bei mir liegen. Aber dann wurde mir klar: Die Plakate liegen sozusagen noch in meinem Revier, da kommt keiner hinein. Es ist eine unsichtbare Grenze, die man nicht einfach so überschreitet. Dann habe ich die Infos sehr viel weiter weg von mir ausgelegt, damit die Menschen das Gefühl haben, erst einmal ungestört schauen zu können, was sich da abspielt. Und zwar bevor sie dann womöglich die Grenze überschreiten und mir näher kommen, um konzentriert zuzuhören.
Können Sie diese Distanz in Metern ausdrücken?
Auf jeden Fall sind es mehr als zwei oder drei Meter. Das hängt natürlich auch von der Örtlichkeit ab. Manchmal gab es eine kleine Erhöhung, vielleicht eine Treppenstufe, auf die ich mich stellte, das schafft auch Distanz. Aber im freien Gelände waren es eher fünf Meter.
Gilt das unabhängig von der Region, in der Sie sich gerade bewegten?
Ja, das lässt sich verallgemeinern. Aber es gab auch immer wieder Ausnahmen. Menschen, die diese Grenze ganz leicht überschritten und vielleicht gar nicht wahrgenommen haben. Da ist dann die Neugierde wohl größer als die Scheu, die solche Grenzen ja erst entstehen lässt.
Hat es nicht auch Sie gestört, wenn die Menschen Ihnen zu nahe gekommen sind?
Ja, das ist ein- oder zweimal passiert. Aber das waren Leute, die gar nicht mehr zugehört haben, sondern anfingen, selber etwas zu erzählen, während ich noch am Rezitieren war. So etwas wie „Aha, das Grundgesetz, ich hab da auch eine Geschichte zu erzählen“.
Das ist doch schön, oder?
Ja, ich wollte ja in Kontakt kommen. Aber ich musste mich halt darauf einlassen, die Rezitation erst mal aufzugeben.
Es haben Ihnen ja manchmal nur sehr wenige Menschen zugehört. Beim Lesen Ihres Blogs hatte ich manchmal den Eindruck, dass Sie sich selber gefragt haben, ob Sie darüber enttäuscht sein müssen oder nicht.
Ja, da habe ich zwischendurch schon mit mir gekämpft. Im Prinzip ging es mir nicht darum, eine besonders große Menge an Menschen zu erreichen. Ich hatte mir für die Performance ja Regeln gegeben, und dazu gehörte ganz zentral die Frage: Wie funktioniert der Kontakt zwischen mir und dem Text? Wie zeigen sich mir die Grundrechte, wenn ich sie immer wieder rezitiere?  Zweitens ging es um den Kontakt zu den Orten, durch die ich wandere, und das Wandern selbst. Und dann schließlich um den Kontakt zu den Menschen.
Die Zahl der Zuhörenden spielte also keine Rolle?
Nein. Es gab gar keinen Grund zu hoffen, es müssten ganz viele sein. Aber immer wieder irgendwo zu stehen, wo viele Leute vorbeilaufen und niemand anhält, um zuzuhören – das ist natürlich trotzdem eine herausfordernde Erfahrung, mit der ich schon zu kämpfen hatte.
Was haben diese Begegnungen mit dem Text, den Orten und den Menschen bei Ihnen bewirkt? Welche Grenzen haben Sie für sich selbst überwunden?
Mir hat sich Deutschland ganz neu erschlossen.  Ich musste dafür allerdings zunächst eine ganz andere Grenze überwinden: Ich wandere zwar gerne, lebe aber auch sehr gern in einer Großstadt. Die Wanderung hat mich fast nur durch das geführt, was man deutsche Provinz nennt, von größeren Städten wie Aachen am Anfang oder Görlitz am Ende abgesehen. Das war deshalb fast so etwas wie eine Grenzerfahrung, weil Kleinstadt eine Lebensform ist, die meiner Art nicht unbedingt entspricht. Andererseits ging es mir in der Performance ja nicht darum, meine eigene Lebensform bestätigt zu sehen. 
Sie haben in Ihrem Blog einmal geschrieben, das Ganze sei „keine politische Aktion“. An einem anderen Tag heißt es dann aber, das Wandern sei angenehm frei vom „spätkapitalistischen Druck von Effizienz und Erfolg“. Das ist ja nicht gerade unpolitisch.
Da haben Sie recht. Aber diese  Bemerkung stand gar nicht direkt mit den Rezitationen in Verbindung, sondern es ging nach meiner Erinnerung um diese Walking-Stöcke, die manche Leute benutzen und die das Wandern gleich viel effizienter aussehen lassen, als wenn man wie ich mit einem Holzstock durch die Gegend läuft.
Also doch unpolitisch?
Obwohl ich dem Text des Grundgesetzes sehr nahe stehe und ihn nicht ohne Grund ausgewählt habe, war für mich  wichtig, dass ich das Ganze nicht als politische Werbeaktion mache, sondern als Kunstaktion. Aber natürlich war es eine Kunstaktion im politischen Raum und mit politischem Material. Es war nicht so, dass die Grenze zwischen Kunst und Politik, wenn es die in der Form überhaupt gibt, ganz scharf gewesen wäre. Da gab es natürlich Übergänge, aber für mich war eben wichtig, dass ich von meinem Selbstverständnis her nicht auf direkte Resonanz setze und deshalb nicht enttäuscht sein muss, wenn sie mal ausbleibt.
Was haben Sie selbst über das Grundgesetz gelernt?
Ich habe es auf jeden Fall neu kennengelernt. Für mich war es vor allem eine sehr starke Erfahrung,  die Grundrechte, die ich rezitiert habe, mit den Erlebnissen und Begegnungen bei der Wanderung in Verbindung zu bringen. Mir ist dabei viel deutlicher geworden, wie sehr diese Grundrechte auch eine Grundlage darstellen für unsere Art des Zusammenlebens. Das war mir vorher vielleicht rational irgendwie klar. Aber ich habe es jetzt auf einer sehr viel tieferen Ebene erfahren, und das war sehr angenehm.
Sie haben also das Gefühl, dass Deutschland, so wie Sie es erwandert haben, gern auf dem Boden dieser Grundrechte lebt?
Wenn ich mich an die intensiven Gespräche erinnere, die ich hatte, würde ich sagen: Ja. Da gibt es, wiederum unabhängig von Ost oder West, sehr viel Wertschätzung, auch bei Menschen, die das Grundgesetz wahrscheinlich nie ganz gelesen oder gar – wie ich – zumindest teilweise auswendig gelernt haben. Es ist so etwas wie eine Idee von „Darauf können wir uns verlassen“ zu spüren.
Und das in diesen Zeiten?
Sicher leben wir in einer Zeit, in der diese Idee nicht mehr für alle gilt, vielleicht zum ersten Mal in der Bundesrepublik. Aber mit solchen Menschen bin ich nicht ins Gespräch gekommen.
Wenn Sie nicht gerade wandern, arbeiten Sie unter anderem als Stimmkünstler, Sie erwähnen dabei den Begriff „extended voice“. Auch das klingt nach Grenzüberschreitung.
Ja. Es geht darum, dass Stimmkünstler alle Möglichkeiten künstlerisch einzusetzen, die die menschliche Stimme bietet. Also nicht nur das, was man Sprechen oder Gesang nennen würde.
Also so etwas wie die Falsett-Stimme?
Mit Falsett kann man sehr schön singen!  Ich meine eher sehr raue Klänge, sehr laute oder sehr leise Töne, Klänge, die sehr nah am Atem sind. Das habe ich bei der Rezitation der Grundrechte nicht eingesetzt. Aber ich habe in den beiden Wintern zwischen den Etappen eine dreistündige Performance gemacht, in der es vorkam. Das ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Arbeit. Aber ich arbeite auch viel mit gesprochenem Text, unter anderem als Rundfunksprecher oder mit Lesungen und Rezitationen.
Was macht das so attraktiv für Sie?
Der Zusammenhang zwischen der Bedeutung und der Wirkung eines Textes, der im Raum laut zu hören ist, hat mich schon immer interessiert. Das hat übrigens auch etwas mit Grenzüberschreitung zu tun: Als Zuhörender mache ich eine ganz andere Erfahrung, als wenn ich den Text lese: eine andere Zeiterfahrung, andere innere Bilder, die sich möglicherweise auftun.
Auch je nachdem, wie er vorgetragen wird?
Natürlich hat es auch mit der Stimme zu tun. Höre ich ihr gerne zu oder nicht? Das ist geradezu entscheidend. Interessant übrigens: Wir machen es ja hier gerade umgekehrt, das gesprochene Wort wird zum Text. Ich bin mal sehr gespannt, wie das dann aussieht.
Nun sind Sie freischaffend tätig. Stößt man da bei 63 Wandertagen mit Anreisen, Übernachtungen und so weiter nicht auch an eine ganz andere Grenze, nämlich die finanzielle?
Ja, klar. Ich habe mich bewusst entschieden, für diese Aktion kein Fördergeld zu beantragen, anders als bei anderen Projekten. Sonst wäre die Grundgesetz-Wanderung sofort in einem ganz anderen Kontext verstanden worden. Ich habe aber zu kleinen Spendenaktionen aufgerufen und hier und da auch Bücher und CDs von mir verkauft. Damit habe ich eine gewisse Unterstützung bekommen.



   




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