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Sonntag, 24. Juni 2018

Der 24. Tag: 24. Juni 2018

Am Morgen um 9h bin ich von der Pension Gimpel, in der ich die Nacht verbracht habe, los in Richtung Fritzlar. In der Stadtkirche habe ich mir noch schnell das berühmte Altarbild, das offenbar von den Einwohnern "Brille" genannt wird, angesehen. Eine kunsthistorische Einordnung liegt nicht in meinem Kompetenzbereich.
Die Wanderung verlief in den ersten Stunden weitgehend ereignisarm. So hatte ich Zeit zum Nachdenken und beim Vor-mich-hin-Rezitieren blieb ich an einer kurzen Formulierung in Art. 2 hängen, die mir in der Regel ein inneres Naserümpfen entlockt. In Art. 2 Abs.1 heißt es: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder (und jetzt kommts) das Sittengesetz verstößt". Sittengesetz ist ein Wort aus der Mottenkiste. Allenfalls im Rahmen der praktischen Philosophie bei Kant hat der Begriff einen einigermaßen klaren Bedeutungsgehalt (als kategorischer Imperativ). Aber vermutlich wollten die Autoren des GG den Begriff nicht in dieser engen Weise verstanden wissen.
In Anbetracht eines Prozesses, der zur Zeit in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien zu beobachten ist und den man früher "Verfall der Sitten" genannt hätte, schlage ich eine neue Definition des Sittengesetzes vor: Es bezeichnet dann die Stufe der Zivilisiertheit, die im öffentlichen Diskurs keinesfalls unterschritten werden sollte.
Mir ist klar, dass diese Definition zu spät kommt. Das allgemeine Niveau des öffentlichen Umgangs miteinander zeigt mittlerweile so viele Ausschläge nach ganz unten - und zwar bis in Parlaments- und international auch Regierungskreise hinein - dass eine solche Grenzziehung nur noch naiv und hilfslos wirkt. Aber der Eindruck könnte trügen. Vielleicht wird es Zeit, Zivilisiertheit als Wert ins Bewusstsein zu rücken und Artikel 2 GG auch in diesem Sinne zu verstehen.


Die Wanderung führte mich nach einigen Stunden auf den Büraberg, auf dem eine Kirche steht, die der heiligen Brigida geweiht ist. Die ältesten Mauerreste sollen von 680 stammen. Das ist sehr alt! Brigida selbst ist um 525 gestorben und kam wohl mit den irischen Missionaren in die Gegend, die zu dieser Zeit in Mitteldeutschland erstaunlicherweise schon unterwegs waren. Dazu gehörte im frühen 8. Jahrhundert auch der hl. Bonifatius, auf den ich gleich zu sprechen komme.





Auf dem Weg nach Fritzlar hatte ich mir überlegt, die Rezitation vor dem sogenannten Hochzeitshaus zu machen. Dabei handelt es sich um ein sehr großes altes Fachwerkhaus ("das älteste Nordhessens"), in dem ein Museum für Ur- und Frühgeschichte beheimatet ist. Das ist allerdings zur Zeit und bis mindestens 2019 geschlossen. Früher wurden in dem Gebäude Hochzeiten und andere große Festlichkeiten begangen. Das Hochzeitshaus verweist damit auf Art. 6, nach dem "Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung" stehen. Art. 6 ist damit das erste im GG erwähnte Grundrecht, das sich nicht auf eine Errungenschaft der Aufklärung bezieht, sondern einer sehr alten Tradition, eben der von Ehe und Familie, Verfassungsrang gibt. Damit verankert sich das GG in althergebrachten Strukturen der Lebenswelt und behält zugleich eine Offenheit für Veränderungen. Denn die Idee etwas der gleichgeschlechtlichen Ehe, die in Art. 6 mittlerweile mitgedacht ist, gehört sicher nicht zum Althergebrachten.
Den Plan, am Hochzeitshaus zu rezitieren, habe ich nicht in die Tat umgesetzt. Es sollte anders kommen.




Fritzlar bedeutet ursprünglich "Ort des Friedens". Neben seiner Bedeutung für die Christianisierung Deutschlands wurde hier auch politische Geschichte geschrieben. Bei einem Reichstag im Jahr 919 wurde Heinrich der Erste zum König gewählt und damit war zum ersten Mal nicht ein Franke, sondern ein Sachse als Regent des "Ostfrankenreiches" installiert. Dieses Ereignis wird als Beginn des spätmittelalterlichen Deutschen Reiches betrachtet. Man weiß offenbar sehr wenig über diesen Heinrich, aber schon in den Jahrzehnten nach seinem Tod 936 wird er dafür gelobt, die Einung und die Befriedung des Reiches nach innen und außen erfolgreich betrieben zu haben.


Das erste, was ich in Fritzlar sah, war der sehr schöne Dom und den Domplatz, auf dem seit etwa 20 Jahren eine mehr oder weniger moderne Statue des heiligen Bonifatius mit einer Axt in der einen und dem Dom in der anderen Hand steht.

Im Jahr 723 soll Bonifatius ungefähr an der Stelle des heutigen Domes die Donareiche gefällt haben. Der Baum war ein Heiligtum der Chatten, eines germanischen Stammes, die ihn als Sitz des Gottes Donar verehrten. Die Tat gilt als Startpunkt der Christianisierung Mittel- und Norddeutschlands, obwohl die Missionierung schon im 6. Jahrhundert begann.

















 (das Denkmal könnte man auch anders verstehen.....)






Auf dem Vorplatz des Domes fand an dem Nachmittag ein Pfarrfest, oder genauer gesagt, eine Nach-Primiz eines Priesters, der in der Gemeinde als Kaplan tätig war, statt. In einem alten Gemäuer gab es Unmengen von den Frauen der Gemeinde gebackenen Kuchen und Kaffee. Das war eine willkommene Stärkung. Die Bonifatiusstatue, die ich mir als Rezitationsplatz ausgesucht hatte, steht etwas abseits; ich musste mich also für die Rezitation nicht mitten ins Pfarrfest stellen, das eh gerade zu Ende ging.

Hier habe ich um 14.40h eine Rezitation gemacht, bei der ich den Text dreimal vorgetragen habe.
Die Rezitation hatte einige Reaktionen zur Folge, die geradezu prototypische Qualitäten besaßen und stichwortmäßig auf drei Varianten reduziert werden können:
Aggressive Ignoranz,
egozentrische Vereinnahmung und
scheue Neugierde.
Als ich gerade loslegte, stellte sich eine Gruppe, die wie ein größerer Familienausflug aussah, praktisch direkt neben mich, aber ohne mich oder die Tatsache, dass ich offenbar etwas sprechend verlautbare, in irgendeiner Weise zu beachten. Alle redeten einfach weiter. Ich habe versucht, meine Konzentration zu halten und weiterzumachen, mit etwas mehr stimmlichem Einsatz, um meinen Platz (und den des GG) zu behaupten. Kurz vor Ende der ersten Rezitationsrunde machte sich die Gruppe aus dem Staub und ich entschied mich, eine weitere Rezitation anzuschließen. Kaum hatte ich damit begonnen - Art. 3 war noch nicht gesagt - kam ein älterer Mann auf mich zu, ignorierte völlig, dass ich mitten in der Rezitation war und begann mir seine Erfahrungen "mit dem Grundgesetz" in aller Aufhrlichkeit zu erzählen. Das ganze lief auf eine jahrzehntlelange juristische Auseinandersetzung hinaus, die irgendwelche Anschlusskosten eines Grundstückes zum Gegenstand hatte. Meine Interventionen, dass das nicht direkt was mit dem GG zu tun hätte, wohl aber die Tatsache, dass er überhaupt sein Recht einklagen konnte, verpufften natürlich absolut wirkungslos. Der Mann war ja nicht an einem Gespräch interessiert, oder daran, etwas zu hören. Er wollte von mir nichts wissen, sondern seine Geschichte zum besten geben. Die war nicht so herzzerreißend, dass sie mich sonderlich gerührt hätte, aber er hat es geschafft, dass ich die Rezitation unterbrechen musste. Nachdem er gegangen war, nahm ich die Rezitation wieder auf und schloss noch eine dritte an. In der Zeit gab es eine Frau, die anscheinend einen Fahradausflug machte und die über mehrere Minuten in sicherem Abstand von mir umherging und offenbar zuhörte. Eine andere Frau fotografierte mein Plakat! Zuguterletzt kam eine Mutter mit einem ca. 10jährigen Jungen auf mich zu, der zugleich sehr neugierig und scheu war. Er kletterte hinter mir auf den großen Baumstumpf, der Teil der Statue ist und blieb dort trotz der Rufe seiner Mutter, doch endlich weiterzugehen, relativ lange stehen und hörte mir zu. Das macht Hoffnung.
Die ganze Episode machte deutlich, unter welchen Gefahren das GG steht. Entweder es wird sozusagen absichtlich ignoriert oder nur im kleinstmöglichen egozentrischen Rahmen wahrgenommen. Die Idee der Grundrechte soll aber gerade diesen kleinen Rahmen aufsprengen und zeigen, dass die Menschenrechte für jeden gelten. Und dann gibt es Neugierde für das GG auf verschiedenen Ebenen, aber immer verbunden mit Zurückhaltung und Scheu. Immerhin. Neben der Gefährdung des GG wächst womöglich "das Rettende auch".



Fundstücke

Art. 5 ABs. 1(freie Meinungsäußerung) und/oder Abs. 2 (Kunst ist frei) im Wald:


Das (untere kleine) Schild sollte eigentlich an allen Schulen hängen:





















ein Donaergeschenk? Da ist sie wieder, die Eiche............., diesmal hinter der Kirche.....

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