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Dienstag, 4. September 2018

Der 43. Tag: 4. September 2018

Es gibt in dieser Region drei Kategorien von Gasthäusern und Hotels. Die einen haben Ruhetag, die nächsten sind ausgebucht und die dritten haben kaum Gäste. Beim Frühstück heute Morgen in dem Gasthof in Wildenthal, in dem ich gestern gestrandet bin, gab es außer mir noch einen anderen Gast, der ebenfalls auf Wanderschaft ist und den Kammweg von Ost nach West läuft. Wir haben unsere sehr ähnlichen Erfahrungen bei der Unterkunftsuche ausgetauscht und ich habe die GG-Wanderung erwähnt, ohne eine Reaktion zu erhalten.

Losgegangen bin ich im Nebel und dem Kammweg folgend bin ich in Richtung Sonne zum Auersberg hochgestiegen.

Obwohl ich wegen der Odyssee am Tag zuvor nicht auf dem WDE unterwegs war, habe ich es mir nicht nehmen lassen, meiner alten Gewohnheit zu frönen und auf dem neuen höchsten Punkt der Wanderetappe eine Rezitation zu machen. Der Auersberg liegt auf gut 1000 Metern und mir gefiel der Ort mit dem alten steinernen Aussichtsturm und der etwas abseits gelegenen modernen Radaranlage.


Während ich meine Vorbereitungen traf, das Plakat auslegte und die Fotos machte, begann direkt neben mir eine Frau, einen Souvenirladen, der in einer kleinen Holzhütte beherbergt ist, zu öffnen.
Ich bin zu ihr hin, um ihr zu sagen, was ich da gleich machen würde und habe ihr eine Karte in die Hand gedrückt. Sie hat jedes Wort darauf halblaut für sich durchgelesen, schaute danach noch immer eher ratlos und ich habe nochmals versucht, ihr zu erklären, was ich da mache.

Dann habe ich die erste Rezitation (1x) des Tages um 9.45 Uhr begonnen.

Die Frau stellte sich vor die Hütte und hörte mir sehr aufmerksam zu. Zwischendurch machte sie mit ihren Vorbereitungen weiter, aber sie blieb in Hörweite.
Nach der Rezitation bin ich nochmal zu ihr hin, weil ich nach Wanderkarten schauen wollte, und sie sagte zu mir - ohne Ironie:
"Das hört man gerne."
Der Tag war damit gerettet.






Danach bin ich nach Johanngeorgenstadt gewandert. Das ist ein Ort, der besonders im letzten Jahrhundert einiges über sich hat ergehen lassen müssen. Anfang der 50er Jahre begannen die Sowjets dort, Uran abzubauen. Zwischenzeitlich arbeiteten dort bis zu 40 000 Bergleute. Die Stollen wurden unter die Altstadt getrieben und nach ein paar Absenkungen wurde entschieden, den größten Teil des Zentrums von Johanngeorgenstadt abzureißen. Die Leute wurden einfach umgesiedelt in die Baracken, in denen die Bergleute wohnten. Ich habe die Frau in der Tourist-Info gefragt, ob es für die Menschen, die ihre Häuser verloren haben, eine Entschädigung gegeben hat. Nach ihrer Information gab es da nichts. Interessant war ein Nebensatz, den sie dann anfügte: "Aber die Leute hatten wenigstens Arbeit." Es scheint mir immer mehr, dass der Wert des Arbeithabens in dieser Region mit ihrer spezifischen DDR-Geschichte viel höher veranschlagt wird als im Westen. Das Trauma, nach der Wende keine Arbeit mehr zu haben, ist anscheinend völlig unterschätzt worden. Ein Recht auf Arbeit wird im GG nicht aufgeführt, aber es gibt immer wieder Bestrebungen, die Arbeit zum Grundrecht zu erheben. Ich bin ja der Meinung, dass die Bedeutung der Arbeit für das Selbstverständnis des Menschen in der Moderne viel zu hoch angesetzt ist, aber man muss bedenken, dass dieses Selbstverständnis über lange Zeit gebildet wurde und in den sozialistischen Ländern noch ausgeprägter war als im kapitalistischen Westen. Es gab in der DDR keine Arbeitslosigkeit und der Schock, dass plötzlich nach der Wende so viele Menschen ihre Arbeit verloren, war immens.

Auch in Westdeutschland gibt es Gebiete, in denen ganze Dörfer verschwinden. Ich erinnere an die Geschichte des Braunkohletagebaus im Rheinland, für den ja in den letzten Jahrzehnten einige Dörfer verschwinden mussten. Der wahrscheinlich entscheidende Unterschied ist in Art. 15 GG formuliert: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden."
Ich weiß nicht, ob die Entschädigungen für die Leute, die im Rheinland ihre Häuser aufgeben mussten, staatlich geregelt sind, aber es wäre in jedem Fall unzulässig, keine angemessene Entschädigung zu gewähren. (Das gilt leider nicht für Bäume, abgesehen davon, dass ein Wald nicht wie ein Dorf umgesiedelt werden kann. Stichwort: Hambacher Forst.)


Vor der sogenannten Pyramide in Johanngeorgenstadt habe ich um 12.00 Uhr die zweite Rezitation (1x) des Tages gemacht.
Die Pyramide ist ein mehrere Meter hohes Gebilde mit Streben, auf denen etwa lebensgroße Holzfiguren stehen, die von Künstlern aus der Gegend geschnitzt wurden und Menschen bzw. Figuren darstellen, die mit der Geschichte des Ortes verbunden sind. Die Figuren können sich auch noch im Kreis bewegen, wenn man zwei Euro in den dafür vorgesehenen Schlitz wirft.



In der Nähe der Pyramide steht ein ebenfalls riesiger Schwippbogen. Das ist ein mit Lichtern bestückter Halbkreis, in dem Figuren im Halbrelief stehen. Ursprünglich stellten die Schwippbögen den Eingang zum Bergwerksstollen dar und zugleich - etwas romantischer - das Himmelszelt mit leuchtenden Sternen. Zur Weihnachtszeit hat offenbar jedes Haus hier einen Schwippbogen im Garten oder im Fenster stehen.

Meine neuerliche Absicht, einen entspannteren Tag einzulegen, habe ich endlich umsetzen können. Schon am späten Mittag bin ich in der sehr netten kleinen Jugendherberge von Johanngeorgenstadt abgestiegen.
Gegessen habe ich am Abend in einem der Restaurants auf der tschechischen Seite, die rund um den dort seit Jahrzehnten existierenden Vietnamesenmarkt zu finden sind. Böhmische Küche, nicht etwa vietnamesische, die es dort aber auch im Angebot gibt.


Fundstücke:

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