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Donnerstag, 6. September 2018

Der 45. Tag: 6. September 2018

Die Besitzer des Hotels auf dem Fichtelberg, wo ich die Nacht verbracht habe, sammeln Malerei von Künstlern aus der Region und hängen die Bilder in die öffentlich zugänglichen Bereiche des Hotels, wo sie von allen Gästen gesehen werden können. Das ist, wie ich finde, ein sehr vorbildliches Konzept. Die KünstlerInnen werden nicht nur durch den Kauf der Bilder unterstützt, sondern die Werke verschwinden auch nicht in irgendwelchen Wohnungen oder Archiven; sie sind für ein größeres Publikum sichtbar - ohne im Museum gelandet zu sein.
Kunst ist frei, wie Art. 5 GG uns zusichert. Die Kunst freut sich über Menschen, die mit klugen Ideen dazu beitragen, dass künstlerische Freiheit auch gelebt werden kann.

Die Wanderung begann heute, wie nicht anders zu erwarten, mit einem Abstieg. Vom Fichtelberg ging es zuerst hinunter in Richtung Oberwiesenthal und dann u.a. auf einem Philosophenweg (ab und zu scheint sich ein Philosoph in dieses Wintersportmekka verirrt zu haben. Oder ist der Name der unbewusste Versuch, Philosophen hierher zu locken?) weiter in Richtung Neudorf.

Am Ortsrand von Neudorf, bzw. dem Ortsteil Kretscham, hatte ich das Vergnügen, die touristisch genutzte Dampflok, die meinen Weg kreuzte, zu bewundern.
Noch wunderlicher war ein Schild mit dem Hinweis auf einen ein paar hundert Meter weiter stehenden Nachbau einer ägyptischen Pyramide. Ein Einwohner des Ortes hat offenbar 1914 in Ägypten die Cheops-Pyramide bestiegen, und um seinem Vater eine Vorstellung von diesem Bauwerk zu vermitteln, hat er einen "Nachbau" auf die Wiese gesetzt, die 1916 eingeweiht wurde. Man muss vielleicht hinzufügen, dass der Nachbau nicht im Größenverhältnis von 1:1 zum Original dasteht. Trotzdem war mir die kleine verrückte Geschichte Grund genug, vor der Pyramide

eine Rezitation (1x) um 11.00 Uhr zu machen.


Publikum waren ein paar Dachdecker auf einer Baustelle gegenüber, die aber keine bemerkbare Notiz von mir nahmen.
Es sollte sich herausstellen, dass diese Rezitation die letzte dieser GG-Wanderetappe war.

Schon gestern habe ich davon gesprochen, dass die Wanderung mit all den Aspekten, die dazu gehören, gerade droht, einen Teil der Gesamtspannung zu verlieren. Die Gefahr war real. Schon beim Aufwachen heute morgen schwirrte mir der Gedanke im Kopf, vielleicht schon heute die Etappe zu Ende zu bringen. Je länger ich unterwegs war, umso mehr merkte ich, dass im Moment die Luft raus ist. Da hieß es Entscheidungen zu treffen und ich nahm mir vor, an meinem anvisierten heutigen Etappenziel Jöhstadt die konkreten nächsten Schritte (weiter wandern oder zurück fahren) zu erkennen und in die Tat umzusetzen. 
Der Weg nach Jöhstadt hat mich noch auf den Bärenstein geführt und der Steilaufstieg dorthin tat seinem Namen alle Ehre. Oben hatte man einen Ausblick auf den Ort Bärenstein und das benachbarte Weilpert, das heute tschechisch Vejprty heißt. Kurz nach dem Krieg mussten von dort ca. 10000 deutschstämmige Einwohner das Feld räumen und danach wurde auch hier die ganze Innenstadt abgerissen und mit Plattenbauten wieder aufgebaut. Die stehen immer noch, aber heute leben in dem Ort nur noch 4000 Leute. 
Die Geschichte hat mir nochmal verdeutlicht, wie viele Verwerfungen diese Gegend seit den 30er Jahren erlebt hat. Die Okkupation durch die Nazis 1938, die Vertreibung 1945, die undurchlässige Grenze zwischen den Bruderstaaten des Warschauer Pakts...

Ein paar Kilometer vor Jöhstadt bin ich auf einen Wanderer getroffen, den ich schon in der Jugendherberge in Johanngeorgenstadt gesehen hatte. Er war auf anderen Wegen (und anderen Transportmitteln) dorthin gelangt und wir sind bis Jöhstadt gemeinsam gelaufen. 
Wir haben über die GG-Wanderung gesprochen und ihn hat offenbar beeindruckt, dass es für die Aktion keinen von außen kommenden Auftrag und entsprechend kein Geld gibt, sondern ich einfach meine Idee umsetze. Außerdem hat ihn die Wanderung an das Revolutionsjahr 1848 erinnert und in der Tat könnte es interessant sein zu schauen, was von der gescheiterten Revolution ins GG eingegangen ist. 
Der Wanderer stammte aus Norddeutschland und er erzählte vom deutsch-dänischen Krieg von 1864, in dem Bismarck verhindert hat, dass die eigentlich unabhängigen Herzogtümer Schleswig und Holstein dem Herrschaftsgebiet einer sehr progressiven neuen Verfassung von Dänemark, die im Nachschwang von 1848 entstanden war, beitreten. Machtpolitik statt Grundrechte. Wieder kein Ruhmesblatt für Preußen. 

In Jöhstadt angekommen, war mir schnell klar, dass diese Wanderetappe vorbei ist. Die beiden Sommeretappen der GG-Wanderung waren auf gewisse Weise sehr intensiv und sehr anstrengend und Körper und Geist rufen nach einer Pause, die ich beiden gewähren will. 
Ich bin also in einen Bus gestiegen, mit dem ich nach Annaberg-Buchholz kam, in der Hoffnung dort einen Zug nach Chemnitz zu finden. Das ist mir auch gelungen, es hat aber alles in allem über drei Stunden gedauert. In Chemnitz habe ich mir ein Hotel gesucht und bin vorher noch etwas durch die Stadt gelaufen. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, beispielsweise am berühmten Marxkopf eine Rezitation zu machen, aber das war aus verschiedenen Gründen keine gute Idee. Es gibt wohl nach den Vorkommnissen der vergangenen Wochen keinen Ort in Deutschland, in der eine Rezitation der Grundrechte mehr eine politische Aktion darstellen würde. Da ist im Prinzip auch gar nichts gegen zu sagen, aber das ist nicht die Aufgabe meiner GG-Wanderung. Außerdem braucht Chemnitz jetzt keine Wessis, die Lektionen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geben, sondern Solidarität mit den demokratischen Kräften, die in der Stadt leben. 


Nachtrag: Am nächsten Morgen (7. Sept.) bin ich in den Zug Richtung nach Hause gestiegen. Zur Reiselektüre gehörte neben der Freien Presse mit ein paar sehr guten Artikeln über die Lage in Chemnitz, die Süddeutsche Zeitung, in der ein Kommentar des Politikwissenschaftlers Dieter Oberndörfer zum Thema Migration nach Deutschland stand. Da war u.a. zu lesen: "Wir müssen uns von der ethnischen Nation verabschieden und einer republikanischen Verfassungsnation Gestalt geben. Bürger der Republik können prinzipiell alle Menschen werden, die sich zur republikanischen Verfassung und ihren Werten bekennen. Das ist theoretisch rechtlich bereits der Fall. Aber die Diskussionen zeigen, dass das in den Köpfen vieler Menschen noch nicht angekommen ist. Daran müssen wir arbeiten." 


Im Moment bezweifele ich, dass ich diesen Herbst noch einmal auf GG-Wanderung gehe. Wahrscheinlich werde ich die verbliebenen knapp 250 Kilometer im April und Mai nächsten Jahres wandern, dann mit neuer Frische und wahrscheinlich neuen Erfahrungen im Gepäck. 
Bis dahin werde ich mich auf andere Weise mit dem GG künstlerisch beschäftigen. Davon wird auch hier im Blog die Rede sein. 

Fundstücke


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