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Sonntag, 5. August 2018

Der 28. Tag: 5. August 2018

Burghafen - Rechtebach - Wichmannshausen - (Sontra)

Am Morgen hatte ich die Gelegenheit, meinen Eindruck von der Hotelangestellten, mit der ich am Abend gesprochen habe, zu revidieren. Beim Frühstück bin ich als erster Gast mit ihr ins Gespräch gekommen, das zuerst von der Feier am Abend zuvor handelte, genauer von logistischen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Art. 9 GG: "Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln".
Beim Bezahlen habe ich ihr eine GG-Wanderkarte in die Hand gedrückt. Ihre Reaktion kam in Schüben und war am Ende stark und berührend. Zunächst kam es zu dem häufiger beobachteten positiven Erstaunen, dann kündigte sie an, mal in den Blog zu schauen und schließlich stellte sie mir die Frage, was ich denn beruflich mache. ("Wenn ich Sie fragen darf!") Dass meine GG-Wanderung nicht als berufliche Tätigkeit klassifiziert wird, wundert mich nicht - obwohl es eine ist! Davon abgesehen ist es für mich gar nicht so leicht, darauf eine kurze Antwort zu geben. Ich habe ein paar meiner Berufe aufgezählt: Künstler, Sprecher, Autor, Philosoph. Darauf sagte meine Gesprächspartnerin: "Sie müssen ein sehr zufriedener Mensch sein." Dabei legte sie eine Hand auf ihr Herz. Das fand ich sehr berührend. Art. 2: "Jede und jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung ihrer und seiner Persönlichkeit".
Die Wanderung war heute in Sachen Grundgesetz ereignisarm. Es gab ein paar ziemlich beeindruckende und schweißtreibende Anstiege und einige einsame Wege durch ausgedehnte und sehr schöne Wälder. Außerhalb der Ortschaften ist mir dabei kein einziger Mensch begegnet (an Tieren nur zwei Rehe). Das hat ein starkes Gefühl von naturverbundener Einsamkeit in mir hervorgerufen, ein Gefühl, das nicht in all seinen Aspekten angenehm ist und das für mich mit dem zu tun hat, was Heidegger das In-der-Welt-sein nennt. Wenn man stundenlang alleine durch den Wald geht, wird es schwierig, sich als der Welt gegenüberstehend zu betrachten. Vielmehr wird man zu einem (relativ unbedeutenden) Teil des Landschaftsgeschehens, ganz unabhängig davon, ob mir das recht ist oder nicht. Ich werde eingebunden. Hier gibt es einen Hauch von Parallele zum GG. Eine Erfahrung meiner bisherigen Wanderung besteht darin, dass ich an vielen Stellen erkenne, wie sehr unsere Lebenswelt von den Vorgaben des Grundgesetzes und besonders der Grundrechte geprägt ist. Das ist, anders als in der oben beschriebenen Naturerfahrung, zwar kein Gefühl, sondern eher eine Schlussfolgerung. Die Frage ist, ob es zu einem Gefühl werden könnte, in dem es aus der Sphäre der Erkenntnis in die der Intuition absinkt.



Bis Wichmannshausen hat sich kein Platz für eine Rezitation aufgedrängt und ich hatte mich innerlich schon darauf eingestellt, mich einfach irgendwohin zu platzieren. Doch dann hingen an vielen Häusern der Hauptstraße große Plakate und Leinwände, auf denen dagegen protestiert wird, dass die Anwohner für die Straßenerneuerung anscheinend kräftig zur Kasse gebeten werden. Um sich zu wehren, haben die Leute eine Bürgerinitiative gegründet. Art. 9 GG: "Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden." Und Art. 3 GG: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." Außerdem Art. 17 GG: "Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten und Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden."



Das ist also ein gutes Beispiel für eine politische Aktivität von Bürgern, die durch den Rahmen, den das GG aufspannt, ermöglicht wird.
Ich habe dort eine Rezitation gemacht. Stattgefunden hat sie um 14.30 Uhr (2x) in einem Bushäuschen (wegen des Schattens!) an der Hauptstraße.













Danach bin ich in das Heimatmuseum des Ortes gegangen. Ich hatte davon in meinem kleinen Reiseführer zum Barbarossaweg (auf dem ich mich noch immer befinde) gelesen und erfahren, dass ich genau an dem Tag und zu der Stunde in Wichmannshausen weilte, zu dem das Museum für zwei Stunden geöffnet hat. Ich traf auf eine kleine Gruppe von Leuten, die dabei waren, die Reste einer Feier vom Abend davor zu entsorgen. Prompt wurde mir ein Stück Kuchen angeboten, das ich dankend annahm. Die Gruppe gehörte zum Förderverein des Museums, dessen Mitglieder einen größeren Saal in dem alten Gebäudekomplex für Veranstaltungen nutzen dürfen. Einer von ihnen führte mich dann durchs Museum, dessen Hauptattraktion für mich das Uhrwerk einer alten Kirchturmsuhr darstellte. Ein sehr komplexes Gebilde aus Zahnrädern, Seilen und Gewichten, das offenbar noch immer sehr genau funktioniert.
Ein Raum des Museums ist mit den Habseligkeiten einer Frau des späten 18. Jahrhunderts bestückt. Diese Frau hatte in einem Testament genau aufgelistet, was sie besaß. Das Testament wurde vom Pfarer des Ortes geschrieben, weil die Frau Analphabetin war. Das Original hängt im Museum. Für ihre Zeit war sie relativ wohlhabend, auf uns heutige wirkt ihr Hab und Gut dagegen sehr ärmlich - ein Blick in die für uns kaum noch nachvollziehbaren Zeiten vor der Überflussgesellschaft. Das GG bleibt in dieser Hinsicht neutral, Art. 14 GG: "Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet".

Wichmannshausen besitzt weder Hotel noch Gasthof und so bin ich ca. 5 km südlich in Sontra gelandet. Das alte Hotel ist genau nach meinem Geschmack, alte Zimmer, die noch groß genug sind, um darin zu atmen, Möbel und Tapeten scheinen noch aus den 60ern oder 70ern des letzten Jahrhunderts zu stammen und wirken stilvoller als das meiste, das man in sogenannten Superior-Hotels antrifft.
Der Hotelier hat mich in Wichmannshausen abgeholt, noch mit dem Koch-Hemd bekleidet.
Außer mir wohnt hier eine Gruppe von reichen Dänen, die in der Gegend auf die Jagd gehen. Was sagt das GG dazu?














Fundstücke:

Baustellenfahrzeug





Warme Geweihe






Samstag, 4. August 2018

Der 27. Tag: 4. August 2018

Spangenberg - Reichenbach - Waldkappel - (Burghofen)

Um kurz nach acht bin ich von der Burg Spangenberg los gegangen. Ich habe noch überlegt, ob ich den direkten Weg nach Waldkappel nehmen soll, der entscheidend kürzer ist als die Route des WDE. Aber ich bin dann doch die längere Strecke über Reichenbach gelaufen, weil ich die alte Klosterkirche sehen wollte. Richtige Entscheidung!
Die Luft war beim Start meiner Wanderung noch einigermaßen frisch und der Tag wurde zwar wieder heiß und schwül, aber es gab oft eine angenehme Schleierbewölkung, durch die die Sonne nicht ganz ungefiltert auf die Erde - und auf mich - nieder brannte.
Die Klosterkirche in Reichenbach stammt aus dem 9. Jahrhundert; schon im 8. Jahrhundert soll es einen Vorgängerbau aus Holz gegeben haben. Zunächst gehörte die Kirche zu einem Frauenkloster, das aber nach einigen Jahrzehnten aufgegeben wurde, weil das Leben dort zu hart und gefährlich war.
Anscheinend wurde die Kirche danach einige Zeit nicht genutzt, bevor sie um das Jahr 1207 an den Deutschen Orden als Schenkung übergeben wurde. Damit war Reichenbach die erste Niederlassung des Deutschen Ordens auf deutschem Boden.
Dieser Orden wurde im Zuge des dritten Kreuzzuges Ende des 12. Jahrhunderts gegründet, mit der Aufgabe, sich um die deutschsprachigen Kreuzfahrer im Heiligen Land zu kümmern. Schnell wurde daraus eine militärisch und politisch wichtige Macht in Europa, besonders im Osten, wo der Orden im heutigen Litauen sogar einen eigenen Staat mit Staatsterritorium beherrschte.
Die Verbindung dieser Geschichte zum GG ist eher indirekt. Zwar garantieren die Grundrechte des GG die Religions- und Glaubensfreiheit des Einzelnen, doch zu den Geltungsbedingungen des GG gehört es, dass sich Religionen und Kirchen aus der politischen Verfassung des Staates heraushalten. Der Wahrheitsanspruch, den gerade die monotheistischen Religionen meist vor sich hertragen, steht im Widerspruch zum Grundrecht der Glaubensfreiheit, das übrigens auch das Recht impliziert, an nichts zu glauben. Zu den Grundbedingungen für die Entstehung des GG und ähnlicher Verfassungen gehörte es, dass Institutionen wie der Deutsche Orden ihre politische Macht verlieren.
Das alles schien mir Grund genug, an der Kirche eine Rezitation (1x) zu machen, die um 12.20 Uhr stattfand. Den Platz fürs Rezitieren habe ich weniger nach architektonischen Kriterien gesucht als vielmehr an der Frage orientiert: Wo gibt es Schatten?

Vor der Rezitation bin ich in die Kirche hinein und traf dort auf einen Mann, der sich als Mitglied der dortigen Pfarrgemeinde um die Kirche kümmert und darum, dass die Pilger, die auf dem Jakobs- und Elisabethweg dort vorbeikommen, auch einen Schluck Wasser finden, um sich zu erfrischen. Das ist eine sehr wichtige und dankenswerte Aufgabe, besonders in diesem Sommer und besonders in einem Ort wie Reichenbach, wo es weder eine Gaststätte noch eine Einkaufsmöglichkeit gibt, wenn man von einer Metzgerei absieht, in der ich mir übrigens später ein Stück Fleischwurst als Lunchpaket besorgt habe.
Der Mann hat mir angeboten, meine beiden Wasserflaschen bei ihm zu Hause aufzufüllen. Dabei sind wir über den Deutschen Orden ins Gespräch gekommen und ich habe ihm erzählt, was ich hier mache. Ähnlich wie die junge Frau gestern fand er spontan, dass diese Wanderung jedenfalls "mal was anderes" sei. Auf die Idee, mir bei der Rezitation zuzuhören, ist auch er nicht gekommen. Meine Vermutung für das aufblitzende echte Interesse, aus dem aber erstmal nichts folgt, geht dahin, dass die GG-Wanderung für viele Menschen zu ungewöhnlich ist, um der ersten Reaktion direkt eine zweite situationsadäquate folgen zu lassen. Auf den Punkt werde ich in den nächsten Tagen noch öfter eingehen.

Von Reichenbach bin ich gemächlich und im Permaschwitzmodus über einen Höhenzug, auf dem offenbar ein Sturm die Bäume ziemlich zerzaust hat, nach Waldkappel gewandert. Dort gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit und ich musste irgendwie noch fünf Kilometer weiter nach Burghofen, ein Ort, der nicht auf dem WDE liegt. Deshalb habe ich im Hotel angerufen und darum gebeten, abgeholt zu werden. Laufen war bei der Hitze nicht mehr drin. Das Hotel hatte niemanden, den sie zu mir schicken konnten, also habe ich einen Taxidienst angerufen. Die Abholung dauerte eine Weile, die ich in der ortsansässigen Eisdiele verbracht habe. Dann kam ein Auto mit der Aufschrift "Krankentransport" vorgefahren (so schlimm war es eigentich noch gar nicht....). Der ältere Chauffeur war ganz nett aber nachdem er mich gefragt hatte, wohin ich unterwegs bin, ist es mir nicht gelungen, ihm eine Antwort zu geben. Schon der erste Satz wurde von ihm unterbrochen, weil ihm etwas einfiel, das er mir sagen wollte. Danach kam er auf die erste Frage nicht mehr zurück und wunderte sich nur, dass ich gerne alleine durch die Gegend wandere.
So ähnlich ist es mir dann im Hotel mit einer ebenfalls sehr netten Angestellten gegangen, die allerdings auch viel mit einer großen Feier im Haus zu tun hatte.
Es gibt immer wieder neue Variationen der Hindernisse, meine GG-Wanderung zu "kommunizieren" wie es neudeutsch so unschön heißt.

Fundstücke

                           unerwartete Begegnung

Milch und Schindeln


Freitag, 3. August 2018

Der 26. Tag: 3. August 2018

(Köln) - Melsungen - Spangenberg

Es ist heiß, sehr heiß, eigentlich viel zu heiß zum Wandern. Aber ich bin heute morgen trotzdem los, um von Melsungen aus in Sachen Grundgesetz weiter zu gehen. Die Fahrt dorthin dauerte wieder einmal länger als auf dem Fahrplan vorgesehen, aber das fällt noch nicht unter die Verletzung des Grundrechts auf Freizügigkeit in Art. 11.
Der Bahnhof in Melsungen hat vor einigen Jahren in einem Wettbewerb den Preis für den schönsten Bahnhof Europas gewonnen. Vermutlich ging es dabei eher um das Bahnhofskonzept als um das eher unscheinbare Gebäude. Im Bahnhof sind einige bürgernahe Institutionen untergebracht, u.a. eine Musikschule. Auch wenn sich daraus keine direkte Verbindung zum GG ziehen lässt, sind solche Orte und Zentren für demokratische Gemeinwesen von einiger Bedeutung. Die These hinter dieser Behauptung wäre: Demokratie braucht öffentliche Treffpunkte. Dass virtuelle Orte in den sozialen Medien ohne weiteres demokratieförderlich sind, ist im Moment ja eher zu bezweifeln.

Ich habe vor dem Bahnhof meine heutige Rezitation gemacht, und zwar um 14.30 Uhr. Die Grundrechte wurden von mir zweimal vorgetragen.
Einige Leute, die währenddessen vorbei gingen, wagten einen Blick auf mein Infoplakat. Ein ca. 16jähriges Mädchen ging erst mit fragendem Blick an mir vorbei und kam kurz danach zurück und fragte mich,was ich da mache. Ich habe meine Rezitation unterbrochen, mit ihr kurz gesprochen und ihr eine Karte mit dem Blog gegeben. Zugehört hat sie mir danach nicht....
Jedenfalls bin ich relativ frohgemut losgewandert. Allerdings sehr langsam.

Nach ungefähr vier Stunden bin ich in Spangenberg gelandet.
Das Bemerkenswerteste, das ich im Internet über den Ort erfahren habe, ist, dass ihm vor ein paar Jahren der Status des Luftkurortes aberkannt (!) wurde. Mich würde interessieren, welche Bedingungen man erfüllen muss, um so etwas zu erreichen. Spangenberg ist ganz schön, mit zu vielen alten Häusern, die niemand restaurieren will oder kann.
Ich bin in der Burg aus dem 13. Jahrhundert untergekommen, bzw. im Burghotel. Ziemlich hochpreisig, muss man sagen. Das Gruseligste war bislang der völlig überdimensionierte Flachbildschirm in meinem Zimmer. Da traut sich bestimmt kein Gespenst rein!
Zu Beginn dieser Wanderung bietet es sich an, kurz über die Präambel des GG zu sprechen. Bei einer Regierungserklärung, die Kanzlerin Merkel vor einiger Zeit vor dem Bundestag abgegeben hat und in der es um die Krise der EU ging, berief sie sich auf den ersten Satz der Präambel: "...von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben."
Die Einbindung in ein vereintes Europa war also schon 1947/48, d.h. vor der Aussöhnung mit Frankreich, Richtschnur für die politische Orientierung eines "neuen" deutschen Staates. Noch ein Grund mehr, dass ich mit der Europaflagge auf dem Rucksack durch die Gegend wandere.

Montag, 30. Juli 2018

Es geht weiter: am 3. August

Wenn die inneren und äußeren Bedingungen es erlauben, geht es am Freitag, 3. August weiter mit der Grundgesetzwanderung. Ich plane, um ca. 14h in Melsungen am Bahnhof die erste Rezitation zu machen (und hoffe, die deutsche Bahn unterstützt das Vorhaben....). Danach wandere ich in Richtung Spangenberg, wo ich wahrscheinlich die erste Übernachtung einlegen werde.
Dann führt mich der Weg über Waldkappel und Röhrda weiter durch Hessen und langsam in Richtung Thüringen und Rennsteig.
Genauere Positionsberichte gebe ich gerne sozusagen vor Ort per Handy unter 0151-2243 1293.
Außerdem werde ich wie immer auch während der Wanderung die erste kurze Version der Blogeinträge schreiben, die am Ende der Etappe um weitere Überlegungen und Bilder ergänzt werden.

Über Mitlesen, Mitwandern und Mitreden freue ich mich durchgehend!

Mittwoch, 27. Juni 2018

Der 25. Tag: 25.Juni 2018

Fritzlar - Heiligenberg - Melsungen

Am Morgen, nach einer Nacht im Hotel Kaiserpfalz, das zugleich ein Altenstift beherbergt, habe ich mich auf den Weg nach Melsungen gemacht und es dauerte etwas, bis ich den richtigen Weg aus Fritzlar hinaus gefunden hatte. Im nächsten Ort Obermöllrich habe ich eine Abzweigung verpasst und bin erstmal in die falsche Richtung gelaufen.

Der Wanderweg der Deutschen Einheit ist auf diesem Streckenabschnitt zugleich der "Ars natura"-Weg, der mir bereits auf den Etappen Ende Mai begegnet war. In unregelmäßigen Abständen findet man am Wegesrand Arbeiten von Künstlern, die mich teilweise sehr beeindruckt haben. Und besonders am heutigen Tag waren die Skulpturen und Installationen eine willkommene Abwechslung auf einem streckenweise sehr eintönigen Weg.

Der Höhepunkt der Wanderung war im doppelten Sinne der Heiligenberg, der zwischen den Orten Felsberg und Heßlar liegt. Dort gibt es Zeugnisse für Besiedelung, die bis zur  Eisenzeit zurückgehen. Im Mittelalter stand dort eine Festung, die eine gewisse Bedeutung für die Region besaß. Der Ort hat eine starke Wirkung auf mich ausgeübt.





Ein Berg mit freiem Blick in alle Himmelsrichtungen, dazu die Ruinen der Burg und die Mauerreste und Wallanlagen aus sehr frühen Zeiten. In dem Tor, durch das man den Burgbezirk betritt, hängt eine Glocke, die von den Flüchtlingen, die Ende des 2. Weltkrieges aus dem Osten kamen und hier in den Orten Unterschlupf und ein neues Zuhause fanden, gestiftet wurde.






Der Platz hat mich ermuntert, dort eine Rezitation zu machen, die um ca. 14.00 Uhr auf dem Aussichtssturm stattfand. Es war ein schönes Gefühl, in alle Richtungen sprechen zu können. In der Mitte des Turmes gab es außerdem ein interessantes akustisches Phänomen, eine Art Hall, obwohl die Mauern ringsherum nicht sonderlich hoch waren und es kein Dach gab, das den Schall hätte zurückwerfen können.





Danach ging ich merkwürdig erfrischt weiter nach Heßlar, wo ein Gerichtsstein stehen soll, den ich mir eigentlich als heutige Rezitationsstelle ausgewählt hatte. Ich glaube, ich habe den Stein auch gefunden, allerdings ohne irgendeinen schriftlichen Hinweis, worum es sich da genau handelt.
Das war mir dann doch zu wenig für eine Rezitation. Typisch scheint zu sein, dass diese Steine unter Linden stehen. Sie repräsentieren eine sehr frühe Form der Gerichtsbarkeit, die eine wichtige Vollendung in Art. 3 Abs. 1 gefunden hat: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich."

Kurz vor Melsungen kam ich an einer Schutzhütte vorbei, die einem Dr. Soestmann gewidmet ist. Das war ein Arzt, der am Ende des 2. Weltkrieges Chefarzt der deutschen Truppen in Melsungen war und dafür gesorgt hat, dass der Ort kampflos den Amerikanern übergeben wurde. Damit hat er die Zerstörung der alten Stadt verhindert. Nur die alte Steinbrücke wurde von der deutschen Wehrmacht beim Rückzug gesprengt. Dieser Arzt hat die seltene und so wertvolle Mischung aus Vernunft und Mut in sich getragen. Chapeau.

Auf dem Weg von Bad Wildungen nach Melsungen habe ich einiges über die deutsche Geschichte gelernt, besonders über ein paar Ereignisse aus dem Mittelalter, von denen ich in der Schule nie etwas gehört habe. Vielleicht habe ich an den Tagen im Unterricht gefehlt - das ist nicht ausgeschlossen - oder die Thematik hat im Unterricht gefehlt. Auch das ist nicht unwahrscheinlich. St. Brigida, der "Heilige der Deutschen" Bonifatius, Heinrich der Erste, das Ende der Frankenregentschaft im ostfränkischen Reich, und das alles auf dem Barbarossaweg, dem ich in der Region durchgehend gefolgt bin.
Art. 7: "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates." Aber es ist wohl eine immerwährende gesellschaftliche Aufgabe, zu klären, was in der Schule gelehrt wird. Ein großes Thema...

Fundstücke

 Ist das typisch deutsch? Ein Besen für die Bank im Wald.
oder das?














 oder das?

Sonntag, 24. Juni 2018

Der 24. Tag: 24. Juni 2018

Bad Wildungen - Fritzlar

Am Morgen um 9h bin ich von der Pension Gimpel, in der ich die Nacht verbracht habe, los in Richtung Fritzlar. In der Stadtkirche habe ich mir noch schnell das berühmte Altarbild, das offenbar von den Einwohnern "Brille" genannt wird, angesehen. Eine kunsthistorische Einordnung liegt nicht in meinem Kompetenzbereich.
Die Wanderung verlief in den ersten Stunden weitgehend ereignisarm. So hatte ich Zeit zum Nachdenken und beim Vor-mich-hin-Rezitieren blieb ich an einer kurzen Formulierung in Art. 2 hängen, die mir in der Regel ein inneres Naserümpfen entlockt. In Art. 2 Abs.1 heißt es: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder (und jetzt kommts) das Sittengesetz verstößt". Sittengesetz ist ein Wort aus der Mottenkiste. Allenfalls im Rahmen der praktischen Philosophie bei Kant hat der Begriff einen einigermaßen klaren Bedeutungsgehalt (als kategorischer Imperativ). Aber vermutlich wollten die Autoren des GG den Begriff nicht in dieser engen Weise verstanden wissen.
In Anbetracht eines Prozesses, der zur Zeit in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien zu beobachten ist und den man früher "Verfall der Sitten" genannt hätte, schlage ich eine neue Definition des Sittengesetzes vor: Es bezeichnet dann die Stufe der Zivilisiertheit, die im öffentlichen Diskurs keinesfalls unterschritten werden sollte.
Mir ist klar, dass diese Definition zu spät kommt. Das allgemeine Niveau des öffentlichen Umgangs miteinander zeigt mittlerweile so viele Ausschläge nach ganz unten - und zwar bis in Parlaments- und international auch Regierungskreise hinein - dass eine solche Grenzziehung nur noch naiv und hilfslos wirkt. Aber der Eindruck könnte trügen. Vielleicht wird es Zeit, Zivilisiertheit als Wert ins Bewusstsein zu rücken und Artikel 2 GG auch in diesem Sinne zu verstehen.


Die Wanderung führte mich nach einigen Stunden auf den Büraberg, auf dem eine Kirche steht, die der heiligen Brigida geweiht ist. Die ältesten Mauerreste sollen von 680 stammen. Das ist sehr alt! Brigida selbst ist um 525 gestorben und kam wohl mit den irischen Missionaren in die Gegend, die zu dieser Zeit in Mitteldeutschland erstaunlicherweise schon unterwegs waren. Dazu gehörte im frühen 8. Jahrhundert auch der hl. Bonifatius, auf den ich gleich zu sprechen komme.





Auf dem Weg nach Fritzlar hatte ich mir überlegt, die Rezitation vor dem sogenannten Hochzeitshaus zu machen. Dabei handelt es sich um ein sehr großes altes Fachwerkhaus ("das älteste Nordhessens"), in dem ein Museum für Ur- und Frühgeschichte beheimatet ist. Das ist allerdings zur Zeit und bis mindestens 2019 geschlossen. Früher wurden in dem Gebäude Hochzeiten und andere große Festlichkeiten begangen. Das Hochzeitshaus verweist damit auf Art. 6, nach dem "Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung" stehen. Art. 6 ist damit das erste im GG erwähnte Grundrecht, das sich nicht auf eine Errungenschaft der Aufklärung bezieht, sondern einer sehr alten Tradition, eben der von Ehe und Familie, Verfassungsrang gibt. Damit verankert sich das GG in althergebrachten Strukturen der Lebenswelt und behält zugleich eine Offenheit für Veränderungen. Denn die Idee etwas der gleichgeschlechtlichen Ehe, die in Art. 6 mittlerweile mitgedacht ist, gehört sicher nicht zum Althergebrachten.
Den Plan, am Hochzeitshaus zu rezitieren, habe ich nicht in die Tat umgesetzt. Es sollte anders kommen.




Fritzlar bedeutet ursprünglich "Ort des Friedens". Neben seiner Bedeutung für die Christianisierung Deutschlands wurde hier auch politische Geschichte geschrieben. Bei einem Reichstag im Jahr 919 wurde Heinrich der Erste zum König gewählt und damit war zum ersten Mal nicht ein Franke, sondern ein Sachse als Regent des "Ostfrankenreiches" installiert. Dieses Ereignis wird als Beginn des spätmittelalterlichen Deutschen Reiches betrachtet. Man weiß offenbar sehr wenig über diesen Heinrich, aber schon in den Jahrzehnten nach seinem Tod 936 wird er dafür gelobt, die Einung und die Befriedung des Reiches nach innen und außen erfolgreich betrieben zu haben.


Das erste, was ich in Fritzlar sah, war der sehr schöne Dom und den Domplatz, auf dem seit etwa 20 Jahren eine mehr oder weniger moderne Statue des heiligen Bonifatius mit einer Axt in der einen und dem Dom in der anderen Hand steht.

Im Jahr 723 soll Bonifatius ungefähr an der Stelle des heutigen Domes die Donareiche gefällt haben. Der Baum war ein Heiligtum der Chatten, eines germanischen Stammes, die ihn als Sitz des Gottes Donar verehrten. Die Tat gilt als Startpunkt der Christianisierung Mittel- und Norddeutschlands, obwohl die Missionierung schon im 6. Jahrhundert begann.

















 (das Denkmal könnte man auch anders verstehen.....)






Auf dem Vorplatz des Domes fand an dem Nachmittag ein Pfarrfest, oder genauer gesagt, eine Nach-Primiz eines Priesters, der in der Gemeinde als Kaplan tätig war, statt. In einem alten Gemäuer gab es Unmengen von den Frauen der Gemeinde gebackenen Kuchen und Kaffee. Das war eine willkommene Stärkung. Die Bonifatiusstatue, die ich mir als Rezitationsplatz ausgesucht hatte, steht etwas abseits; ich musste mich also für die Rezitation nicht mitten ins Pfarrfest stellen, das eh gerade zu Ende ging.

Hier habe ich um 14.40h eine Rezitation gemacht, bei der ich den Text dreimal vorgetragen habe.
Die Rezitation hatte einige Reaktionen zur Folge, die geradezu prototypische Qualitäten besaßen und stichwortmäßig auf drei Varianten reduziert werden können:
Aggressive Ignoranz,
egozentrische Vereinnahmung und
scheue Neugierde.
Als ich gerade loslegte, stellte sich eine Gruppe, die wie ein größerer Familienausflug aussah, praktisch direkt neben mich, aber ohne mich oder die Tatsache, dass ich offenbar etwas sprechend verlautbare, in irgendeiner Weise zu beachten. Alle redeten einfach weiter. Ich habe versucht, meine Konzentration zu halten und weiterzumachen, mit etwas mehr stimmlichem Einsatz, um meinen Platz (und den des GG) zu behaupten. Kurz vor Ende der ersten Rezitationsrunde machte sich die Gruppe aus dem Staub und ich entschied mich, eine weitere Rezitation anzuschließen. Kaum hatte ich damit begonnen - Art. 3 war noch nicht gesagt - kam ein älterer Mann auf mich zu, ignorierte völlig, dass ich mitten in der Rezitation war und begann mir seine Erfahrungen "mit dem Grundgesetz" in aller Ausführlichkeit zu erzählen. Das ganze lief auf eine jahrzehntelange juristische Auseinandersetzung hinaus, die irgendwelche Anschlusskosten eines Grundstückes zum Gegenstand hatte. Meine Interventionen, dass das nicht direkt was mit dem GG zu tun hätte, wohl aber die Tatsache, dass er überhaupt sein Recht einklagen konnte, verpufften natürlich absolut wirkungslos. Der Mann war ja nicht an einem Gespräch interessiert, oder daran, etwas zu hören. Er wollte von mir nichts wissen, sondern seine Geschichte zum besten geben. Die war nicht so herzzerreißend, dass sie mich sonderlich gerührt hätte, aber er hat es geschafft, dass ich die Rezitation unterbrechen musste. Nachdem er gegangen war, nahm ich die Rezitation wieder auf und schloss noch eine dritte an. In der Zeit gab es eine Frau, die anscheinend einen Fahradausflug machte und die über mehrere Minuten in sicherem Abstand von mir umherging und offenbar zuhörte. Eine andere Frau fotografierte mein Plakat! Zuguterletzt kam eine Mutter mit einem ca. 10jährigen Jungen auf mich zu, der zugleich sehr neugierig und scheu war. Er kletterte hinter mir auf den großen Baumstumpf, der Teil der Statue ist und blieb dort trotz der Rufe seiner Mutter, doch endlich weiterzugehen, relativ lange stehen und hörte mir zu. Das macht Hoffnung.
Die ganze Episode machte deutlich, unter welchen Gefahren das GG steht. Entweder es wird sozusagen absichtlich ignoriert oder nur im kleinstmöglichen egozentrischen Rahmen wahrgenommen. Die Idee der Grundrechte soll aber gerade diesen kleinen Rahmen aufsprengen und zeigen, dass die Menschenrechte für jeden gelten. Und dann gibt es Neugierde für das GG auf verschiedenen Ebenen, aber immer verbunden mit Zurückhaltung und Scheu. Immerhin. Neben der Gefährdung des GG wächst womöglich "das Rettende auch".



Fundstücke

Art. 5 Abs. 1 (freie Meinungsäußerung) und/oder Abs. 2 (Kunst ist frei) im Wald:


Das (untere kleine) Schild sollte eigentlich an allen Schulen hängen:





















ein Donaergeschenk? Da ist sie wieder, die Eiche............., diesmal hinter der Kirche.....

Samstag, 23. Juni 2018

Der 23. Tag: 23. Juni 2018

Anreise: Köln - Bad Wildungen

Artikel 11 GG garantiert allen Deutschen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet. Meine heutige Zugfahrt, die mich gefühlt durch ganz Hessen geschaukelt hat und die einige Stunden länger dauerte als geplant, war dafür eine schöne Illustration. Der Zug von Köln nach Siegen wurde durch eine kaputte Weiche davon abgehalten, pünktlich am Zielbahnhof einzutreffen. Genauer gesagt ist er gar nicht bis Siegen gekommen und hat stattdessen irgendwo die Richtung geändert und wieder zurück gefahren. Die ganze Odyssee will ich hier nicht ausbreiten. Nur eine Anekdote vielleicht: In Wabern stand ich eine viertel Stunde auf dem ansonsten völlig verlassenen Bahnhof herum.
Der Zug, der dann einfuhr, war ein ziemlich alter Dieselwagen, der sympathischer Weise innen keinerlei elektrische Anzeigen besaß, die einem sonst unablässig mitteilen, in welchem Zug man sich gerade befindet und in wieviel Minuten man den nächsten Bahnhof erreicht. Das Fehlen dieser Leuchtdiodenbasierten Informationen löste allerdings bei einigen Fahrgästen Verwirrung aus. Ein junger Mann war offenbar auf der Fahrt eingeschlafen und suchte nach dem Aufwachen nach einem Anhaltspunkt (!) darüber, wo er bzw. der Zug sich gerade befindet. Auf die Idee jemanden zu fragen, ist er dabei nicht gekommen. Eine Frau, die ein ähnliches Problem hatte, war klüger und fragte mich, ob wir schon in Wabern gewesen seien. Das konnte ich nur bejahen...
Bad Wildungen ist die Endstation der Zuglinie und die Gefahr, den Ausstieg zu verpassen, war für mich dementsprechend gering.


In Bad Wildungen angekommen habe ich mich direkt auf den Weg zur Stadtkirche gemacht, die um 1260 gebaut wurde. Den offenbar berühmten Altar konnte ich nicht bestaunen, weil die Kirche geschlossen war. Gegenüber der Kirche steht ein altes Schulgebäude, in dem heute ein Mehrgenerationenhaus residiert, nicht als Wohnprojekt, sondern als Treffpunkt für die Einwohner der Stadt. Vor der Treppe dieses Hauses habe ich um 17.40h eine Rezitation gemacht - ohne bemerkenswerte Anteilnahme der Bevölkerung.


Heute ist der Tag des zweiten Spiels der deutschen Mannschaft bei der Fussball-WM in Russland. Während der Rezitation fiel mir auf, dass meine Rezitationskette in diesem Rahmen eine neue Bedeutung gewinnt. Die Holzkugeln der Kette sind in den Farben schwarz, rot, gelb gehalten und das ist auch schon mein einziger Hinweis auf die deutschen Flaggenfarben. (Ansonsten orientiere ich mich am europäischen Blau.) Heute hätte man denken können, die Kette sei eine Deko für das abendliche Fussballereignis.



Ein Gedanke, der mich in den nächsten Tagen wahrscheinlich begleiten wird, hat direkt mit den aktuellen politischen Ereignissen zu tun. Auf die mich auf der gesamten GG-Wanderung begleitenden Frage, welche Art von Text das Grundgesetz eigentlich darstellt, drängt sich zur Zeit eine Antwort besonders in den Vordergrund: ein gefährdeter.

Fundstücke:
                                                                  durchgesessen?

Der 22. Tag: 2. Juni 2018

Burg Hessenstein - Frankenau - Bad Wildungen

Gestern (am 1. Juni) habe ich wegen einer sehr bedrohlich klingenden Wettervorhersage der von morgendlichem Regen bestätigt zu werden schien, eine Wanderpause eingelegt und mich in der Burg Hessenstein aufgehalten. Bei der Lektüre einer nordhessischen Regionalzeitschrift bin ich auf ein Interview gestoßen, in dem von einem Grundrecht des GG die Rede ist. Die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer spricht darin von der Pflicht des Bauherren gegenüber der Öffentlichkeit, beim Bau neuer Gebäude auch das Wohl der Allgemeinheit im Blick zu halten. Zitat: "Bauen ist nie nur privat, sondern immer auch öffentlich. Die Außenwand des Innenraums ist die Innenwand des Außenraums, die dritte Dimension des öffentlichen Raums. Unser Grundgesetz sagt: Eigentum verpflichtet und muss auch dem Gemeinwohl dienen!)


Am Morgen des 2. Juni bin ich um ca. halb neun losgegangen. Der Weg führte mich  durch den Nationalpark Kellerwald und die südlichen Abschnitte des Kellerwaldsteigs. Der erste Ort, durch den ich kam, hieß Frankenau. Dort habe ich mir einen Kaffee gegönnt und am Rande des Dorfes überraschenderweise eine gute Stelle für eine Rezitation gefunden. An einem kleinen Teich mit einer Sitzbank fiel mir ein Betonquader auf, der ungefähr 1,50 m hoch und 1,20 m breit war. Ich schaute mir den Stein etwas genauer an und auf der einen Seite fand ich zwei hölzerne Plaketten mit dem Namen und Geburtsdatum Goethes und dem Hinweis, dass der Gedenkstein zum 200sten Geburtstag des Dichters im Jahr 1949 aufgestellt wurde. Also im selben Jahr, in dem das Grundgesetz in Kraft getreten ist. 
Ich weiß nichts über die Geschichte dieses Steins. In mir sind zwei Assoziationen aufgetaucht. Wer immer auch für dieses Goethe-Monument verantwortlich war, er oder sie hat wahrscheinlich damit kurz nach dem Krieg an eine „bessere“ deutsche Tradition anknüpfen wollen, als die es war, die gerade Europa verwüstet hatte. Das Besondere daran ist, dass dem Menschen klar gewesen zu sein schien, dass es kein einfaches Zurück gibt und bloße Nostalgie nicht weiter hilft. Deshalb wurde das Gedenken an Goethe nicht in eine neoklassizistische Büste gegossen, sondern mit einem schlichten und daher sehr modernen Stein versehen, der auch die Erinnerung an den Krieg zulässt. Das finde ich ziemlich stark und ich hätte sowas in einem kleinen Dorf irgendwo in Hessen nicht erwartet. Dort fand also um 10.30 h meine heutige Rezitation statt. 




Danach ging es ohne großartige Ereignisse, die man auf das Grundgesetz beziehen könnte, weiter. Es gab Begegnungen mit einem Reh und mit zwei Hasen (!!). Diese Erlebnisse wirken ja gerne wie die Sahnehäubchen einer Wanderung, auch wenn es eigentlich um was ganz anderes geht, in meinem Falle um das Grundgesetz. Es bleibt leider dabei, dass der Naturschutz als ein Grundrecht für die Menschen, die in dieser Welt leben, in den Grundrechten des GG nicht auftaucht. (Die Natur selbst kann nicht Adressat eines Grundrechtes sein, Grundrechte beziehen sich immer auf Menschen bzw. Staatsbürger.)

Immerhin kann ich noch eine tierische Anekdote berichten, die in Verbindung steht mit einigen Überlegungen, die ich am 19. Tag (29.5.) zum sozialen Status von Kuh- und Schafhirten notiert habe. Kurz hinter Frankenau bin ich an einer Schafherde vorbei gekommen. Schäfer und Hund waren etwas oberhalb der Wiese. Als ich an den Schafen vorbei ging, fing die Herde an, sich in meine Richtung zu bewegen und wurde daran vom heran hechtenden Hund gehindert. Der Schäfer meinte danach, seine Schafe würden halt gerne hinter einem Menschen mit Stock herlaufen. Mit anderen Worten: Die Schafe haben in mir einen potenziellen Schafhirten gesehen! Der Hund eher nicht, aber immerhin hat er mich auch nicht als verlorenes Schaf betrachtet....

Auf einem Teilstück des heutigen Weges gibt es einen Skulpturenweg namens Ars Naturalis. Die Arbeiten, die man dort betrachten kann, sind nicht so ambitioniert wie auf dem Waldskulpturenweg im Hochsauerland. Schon von der Größe her zeigen sie eine gewisse Bescheidenheit. Eine andere, nicht weniger angemessene Art, das Verhältnis zwischen Kunst und Natur auszugestalten. 

Das Grundrecht aus Art. 5, das Kunst versichert, frei zu sein, bekommt in der freien Natur eine schöne Nebenbedeutung. 
Hier ein paar Beispiele von Hans Lamb, Frank Bartecki und F. Michael Müller:
W ort



Irrgarten



Ohne Titel


Kurz vor Bad Wildungen kam ich an ein paar Quellen vorbei, die den Ruf des Ortes als Heilbad begründet haben. In der Stadt angekommen bin ich mehr oder weniger direkt zum Bahnhof gegangen und in den nächsten Zug gestiegen, der mich über Kassel nach Köln brachte. 

Freitag, 1. Juni 2018

Der 21. Tag: 31. Mai 2018

Medelon - Züschen - Burg Hessenstein

Am Morgen habe ich mich um ca 9.00h aus Medelon auf den Weg gemacht. Meine Überlegungen, morgens die Rezitation an der Gedenkstätte durchzuführen - nachdem sie abends von der Hochzeit verdrängt worden war - wurde durch die Vorbereitungen für die Fronleichnam-Prozession, die schon im Gange waren, endgültig ad acta gelegt. Inmitten von katholischen Fahnen und Straßenaltären wäre die GG-Rezitation so eine Art säkulare Ein-Mann-Gegenaktion geworden. Daran kann mir nichts liegen.
Die vergangenen Tage standen für mich sehr unter dem Thema der Grenze - Grenzen zwischen Stammes- und Herrschaftsbereichen, zwischen Konfessionen und Grenzen zwischen Sprachräumen. Und unter dem Thema der vielen oft gewalttätigen Grenzstreitigkeiten, unter denen das Hochsauerland offenbar über die Jahrhunderte so gelitten hat.
Heute habe ich dann die erste sozusagen offizielle Grenze meiner Wanderperformance überschritten, nämlich die von Nordrhein Westfalen nach Hessen.. Ohne den Übergang bemerkt zu haben. Der Grenzverlauf war bei Ronninghausen, wie ich im Nachhinein gesehen habe.
In Münden, dem ersten Ort auf hessischer Seite, habe ich dann eine Rezitation gemacht, um das Thema Grenze vorerst abzuschließen und vorher noch einmal zu betonen. In Ermangelung eines Dorfplatzes in Münden habe ich mich vor die Kirche gesetzt. Da es sich um ein evangelisches Gotteshaus handelte, kam keine Konkurrenz mit Fronleichnam auf.
Die 1. Rezitation des Tages fand also an der Marienkirche in Münden statt.


Während der Rezitation saßen in sicherer Entfernung (für mich? für sie?) ein paar Jugendliche auf der Mauer. Einer trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Wir sind die Macht"
Ich frage mich, ob der T-Shirt-Träger weiß, wie sehr er als Bürger damit recht hat: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Art. 20 GG.

Noch eine letzte Anekdote zur Grenze: Mir ist es gestern und heute nicht gelungen, im Sauerland eine Wanderkarte zu bekommen, die den Weg nach Hessen zeigt. Alle, die mir angeboten wurden, hörten an der Grenze auf!

Die Wegführung war heute im Vergleich zu den vergangenen Tagen nicht besonders ansprechend und vielleicht stand deshalb das Wandern oder das Ankommenwollen mehr in meinem Bewusstseinsvordergrund als sonst. (Außerdem war es sehr heiß und schwül...) Irgendwo auf dem Weg bekam ich einen Handyanruf aus der Jugendherberge Burg Hessenstein mit der Mitteilung, dass es noch ein Zimmer für mich gibt. Das hat mich etwas beflügelt und ich habe mir überlegt, auf der Burg, die zugleich ein freies Jugendbildungswerk ist, eine Rezitation zu machen.

Als ich von Donner begleitet in der Burg ankam, wurde in mir eine gedankliche Figur aktiviert, die schon gestern Abend und heute Morgen angesprungen war. Nach den ersten eigentlich sehr angenehmen Eindrücken - ich bekam das Behindertenzimmer als letztes freies Einzelzimmer und exklusiven Zugang zum Turmzimmer, wo es Fernseher und ein Bier gibt - war ich trotzdem überzeugt, eine Rezitation würde hier überhaupt nicht in den Rahmen passen. Während des Abendessens ging mir auf, dass sich da gerade etwas Seltsames in mir abspielt. Da hieß es mal wieder gegensteuern und so habe ich die zweite Rezitation des Tages um 18.45 h im Innenhof der Burg Hessenstein gemacht.


In Hörweite saßen zwei Frauen und zwei Männer von der großen Familiengruppe, die die Burg in Beschlag genommen hat. Zu Anfang hörten sie mit einem Ohr zu, dann kamen Kinder dazu und die Aufmerksamkeit verlagerte sich von mir weg. Meine Vermutung, dass die Rezitation nicht in den Rahmen passt, war also nicht ganz falsch. Aber das ist kein Grund, die Rezitation nicht zu machen. Wieder was gelernt.

Der Robert-Kolb-Weg (X6), dem ich durch das Hochsauerland gefolgt bin, kreuzte heute bzw. lief am Ende parallel zum X8, dem Barbarossa- Weg, der mich durch Hessen führen wird. Robert Kolb war Anfang des 20. Jahrhunderts "Hauptwegewart" des sauerländischen Geburtsvereins, von dem Ende des Jahrhunderts die Initiative für die Zusammenstellung des Wanderweges der Deutschen Einheit ausging.
Was Friedrich Barbarossa mit einem Wanderweg durch Hessen zu tun hat, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. (Wahrscheinlich hängt die Namensgebung mit der hessischen "Barbarossastadt" Gelnhausen zusammen.) Mit dem Wanderweg der deutschen Einheit kann man ihn in Zusammenhang bringen, weil sein Name mit dem eher unrühmlichen Mythos eines geeinten deutschen Reiches verbunden ist.  Mit etwas Phantasie kann man auch eine Linie von ihm zum GG ziehen. Mit seiner Herrschaft im 12. Jahrhundert kam es offenbar zu einem Wechsel im allgemeinen Regierungsstil. Vorher galten Milde und Barmherzigkeit als höchste Tugenden des Regenten, Barbarossa wollte sich dagegen an der Gerechtigkeit orientieren. In dieser Tradition steht das Grundgesetz. Denn Gerechtigkeit eignet sich eher als Barmherzigkeit als allgemeine Rechtsnorm. Barmherzigkeit ist eine hohe Tugend von Menschen, die nicht rechtlich verbindlich gemacht werden kann.

Morgen früh geht es weiter in Richtung Bad Wildungen.....(dachte ich jedenfalls, aber das Wetter hat mir vorgeschlagen, einen Tag Pause einzulegen.....)

Fundstücke:
                                  keine Skulptur (b)?
Wandern und Singen!






                   keine Skulptur (c)?

Mittwoch, 30. Mai 2018

Der 20. Tag: 30. Mai 2018

Neuastenberg - Medelon

Von Neuastenberg habe ich mich relativ früh auf den Weg zum Kahlen Asten gemacht, der höchsten Erhebung in NRW und das "Dach Westfalens", wie es dort irgendwo heißt. (Der Berg als Dach ist im Grunde eine schiefe Metapher.)
Nach kurzem Suchen nach dem geeigneten Platz für die Rezitation, habe ich mich hinter dem Hotel, mit Panoramasicht im Rücken, aufgestellt. Um ca. 19. Uhr habe ich die Grundrechte des GG also vom Dach Westfalens aus gesprochen. Obwohl natürlich kaum jemand da war, der mir hätte zuhören können und die wenigen Kandidaten auf Abstand blieben, habe ich den Text zweimal rezitiert, beim zweiten Mal mit wechselnder Sprechrichtung und dem angenehmen Gefühl, ins Offene zu sprechen.

Als ich gerade dabei war, meine Sachen zusammen zu packen, kam ein Mann mit Hund auf mich zu und fragte, ob er das Plakat noch schnell lesen könne, bevor ich es zusammenrolle. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er mich aus dem Frühstücksraum des Hotels gesehen und gehört hatte. Hat mich sehr gefreut, einem offenen und neugierigen Menschen zu begegnen.

Danach habe ich mich wieder auf den Weg gemacht, der zunächst wenig Material in Sachen GG anbot. Dafür gab es viel beeindruckende Landschaft und die hiesige Fauna machte sich mit einiger Wucht bemerkbar, u.a. in Form einer Wildschweinrotte, die meinen Weg kreuzte und dann zum Glück lieber das Weite als die Konfrontation suchte.

Doch zuerst ging es meist bergab nach Züschen, einem "Golddorf", was darauf hinweist, dass die Dorfgestaltung Jurymitgliedern besonders gut gefallen hat. Im Ortszentrum befindet sich ein Brunnen, von dem man nicht genau weiß, wer ihn anlegte und mit welcher Absicht. Als Dorfbrunnen scheint er ziemlich ungeeignet gewesen zu sein, weil der Friedhof direkt oberhalb lag und das Wasser dadurch wahrscheinlich nicht trinkbar war. Vermutlich stammt der Brunnen aus vorchristlicher Zeit und ist Teil eines aus verschiedenen Orten zusammen gestellten Heiligtums, das ein wichtiges Runenzeichen (für einen Baum) darstellte, wenn man die Punkte miteinander verband.

Es ging weiter ins Liesental, wo nicht nur ein Reh, sondern für die GG-Wanderung wichtiger, das Thema der Grenze und der Grenzstreitigkeiten noch einmal auftauchte. In diesem Tal wurden um das Jahr 1500 einige kleine Ortschaften "gebrandschatzt" und zwar so gründlich, dass sie danach aufgegeben und nicht wieder aufgebaut wurden. Meine frühere Vermutung, dass das Rothaargebirge hoch genug war, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern, war natürlich sehr naiv. Wenn die Gewaltbereitschaft da ist, finden sich auch Mittel und Wege zuzuschlagen. Der Landstrich, durch den ich heute gewandert bin, scheint lange darunter besonders gelitten zu haben. Art. 2 Abs. 2: "Jeder hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit." Das gilt auch für Gegner oder sogenannte Feinde. Damit ist ein sehr wichtiger Anspruch für eine zivilisierte Gesellschaft formuliert, die in der Lage sein muss, Auseinandersetzungen so weit wie irgend möglich, gewaltfrei zu regeln.

Am Nachmittag bin ich in Medelon angekommen, wo ich eine Unterkunft im Hotel Kaiserhof gefunden habe. Das ist eigentlich ein Name, der überhaupt nicht zum GG passt......
In Medelon gibt es mitten im Ort eine recht große Gedenkstätte für die Gefallenen der Kriege, die zwei Besonderheiten aufweist. Zum einen geht das Gedenken dort zurück bis zu den Kriegen 1866 (Österreich gegen Preußen) und 1871.















Außerdem wurde direkt neben die eigentliche Gedenkstätte ein großes M aus Metall gesetzt, mit der Aufschrift: "Gemeinsam für den Frieden". In diesem Metall-M befinden sich fünf Wappen von Vereinen des Ortes.
Für diesen Ort hätte ich die mir selbst auferlegte Kriegsdenkmal-Abstinenz für meine Rezitationen kurz aufgegeben, aber dazu sollte es nicht kommen.
Nachdem ich mich im Hotel "frisch" gemacht hatte, bin ich mit Plakat und Karten bestückt ins Dorf. Dort stellte sich heraus, dass in der nahe gelegenen Kirche eine Hochzeit stattfand und die Hochzeitsgesellschaft gerade aus dem Portal trat. Es folgte ein halbstündiges Hochzeitsständchen der Blaskapelle, die übrigens nicht nur gut spielte, sondern überraschenderweise fast nur aus Leuten bestand, die in dem Alter des Hochzeitspaares waren.
Danach war klar, dass es für eine Rezitation sozusagen energetisch keinen Platz mehr gab. Es passte nicht mehr.
Das Friedensmonument verweist meines Erachtens nicht nur auf Art. 1 Abs. 1 ("Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."), sondern gemeinsam mit der Blaskapelle auf Art. 9: "Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden", ein Grundrecht, das in seiner Bedeutung manchmal unterschätzt wird. (Als bekennender Individualist habe ich mich lange Jahre geweigert, in einen Verein einzutreten. Mittlerweile bin ich Mitbegründer und Vorsitzender eines solchen und im Vorstand eines weiteren gelandet. So kanns gehen....)

Fundstück:

zwei Kühe auf dem Gourmetstreifen der Wiese